Hygieneartikel nicht in der Toilette entsorgen

Zu viele Einwegtücher in Kasseler Klos: 500 Tonnen Müll machen Probleme

Kassel. Ein neues Phänomen bereitet den Entwässerungsbetrieben in der Region Kassel und anderswo zunehmend Probleme: Feuchttücher verstopfen die Kanalisation.

Immer mehr Feuchttücher und Reinigungstextilien werden täglich von tausenden Menschen in Toiletten entsorgt. Die reißfesten Einwegtücher verstopfen die Kanalisation und verfangen sich in den Abwasserpumpen.

Häufig kommt es zu sogenannten Verzopfungen: Es bilden sich verfilzte, zähe Stränge, die die Pumpen belasten und sie zum Stillstand bringen können. Es entstehen hohe Kosten, um die Schäden zu beheben, sagt Karsten Köhler, Sprecher des Wasserversorgers Kassel-Wasser. „Seit acht Jahren tritt dieses Problem immer häufiger auf.“ Es war in der Vergangenheit besonders im Bereich der Pumpanlage unter der Fulda in Niestetal-Sandershausen virulent geworden. Sie ist eine von sechs Kasseler Pumpstationen, die das Abwasser, das in diesem Fall aus den östlichen Landkreiskommunen kommt und von Kassel-Wasser aufbereitet wird, unter der Fulda hindurch auf ein höheres Niveau pumpt – 120 Liter in einer Sekunde. Zellstoff-Zöpfe setzen die Pumpe regelmäßig außer Gefecht. „Ständig bekommen wir Störungen gemeldet.“

Deshalb baut der Abwasserverband Losse-Nieste-Söhre zurzeit an dieser Stelle eine Zerkleinerungsanlage, die die Textilwürste schreddern soll. Kosten: 425 000 Euro. „Die Investition hat sich in fünf Jahren amortisiert“, sagt Köhler – in dem Fall für den Abwasserverband, der für die Wartung der Pumpen an dieser Stelle aufkommen muss. Der Vorsteher des Verbands, Niestetals Bürgermeister Andreas Siebert, sagt: „Durch das Schneidewerk werden die Abwasserinhaltsstoffe so zerkleinert, dass ein reibungsloser Betrieb der Pumpen sichergestellt ist.“

Das gereinigte Abwasser wird über Gewässer dem natürlichen Wasserkreislauf zugeführt und landet so später wieder im Trinkwasser.

Kein Müll in die Toiletten

„Die Einweggeneration wird immer größer und damit nehmen auch unsere Probleme zu“, sagt Karsten Köhler, der Sprecher des Entwässerungsbetriebs Kassel-Wasser. Es sind aber nicht nur die reißfesten Feuchttücher aus einem Polyester-Viskose-Gemisch oder Fasern, die mit Kunstharzen gefestigt sind, die Kassel-Wasser Sorgen bereiten, weil sie Abwasserpumpen und Kanäle verstopfen.

Speisereste, Hygieneartikel, Rasierklingen, Zigarettenkippen, Wattestäbchen, Feuchttücher und Katzenstreu, aber auch Medikamente, Farbe, Lacke und ätzende Reinigungsmittel landen täglich ebenfalls tausendfach in Kasseler Toiletten. „Wo sie auf keinen Fall hingehören“, so Köhler: „Diese und viele andere Dinge müssen in der Restmülltonne oder – im Falle von Batterien, Altöl und anderem – als Sondermüll entsorgt werden.

Immer wieder müsse mit der Aufklärung von vorne begonnen werden, damit die Menschen nicht alles Mögliche ins Klo kippten, sagt Köhler. In die Toilette gehörten ausschließlich menschliche Ausscheidungen und Toilettenpapier, präzisiert er.

Auf einem in sieben Sprachen formulierten Flyer von Kassel-Wasser ist dies nachzulesen. Ebenso der Hinweis, dass Kassels Leitungswasser Trinkwasserqualität hat. Das heißt, man kann es trinken, damit Speisen zubereiten, Geschirr reinigen, sich waschen und vieles mehr. Es ist jederzeit verfügbar und kann auch für die Zubereitung von Babynahrung verwendet werden. Dafür betreibt Kassel-Wasser einen großen Aufwand. All das sollte die Konsumenten dazu bewegen, auch für das Abwasser Verantwortung zu übernehmen. Gereinigt landet es über die Gewässer und den natürlichen Kreislauf wieder im Trinkwasser.

Insgesamt 60 Millionen Liter Abwasser (bei Regen bis zu 200 Mio. Liter) werden täglich im Klärwerk an der Gartenstraße im Wesertor gereinigt.

500 Tonnen Abfall

Die Mitarbeiter des Entwässerungsbetriebs Kasselwasser fischen jährlich über 500 Tonnen Abfall aus der 840 Kilometer langen Kanalisation und der Kläranlage. Trotz Aufklärungsarbeit sinkt die Menge an Müll seit Jahren nicht. Der rausgefischte Abfall wird im Müllheizkraftwerk verbrannt. Damit aus 60 000 angeschlossenen Häusern täglich 60 Millionen Liter problemlos abgeleitet werden können, kümmern sich 35 Mitarbeiter um die Kanäle. In den Rohren finden sie vieles, was dort nicht hingehört. Beispielsweise führen Essensreste im Abwasser zu steigenden Rattenpopulationen. Weggeschüttete Fette und Öle setzen nach dem Erkalten die Rohre zu.

Unsichtbare Probleme

Verschärft wird das Problem durch den sinkenden Wasserverbrauch in Kassel, der seit 1990 um 37 Prozent zurückging. Weil weniger Wasser durch die Kanäle fließt, müssen diese häufiger gespült werden. Für unsichtbare Probleme sorgen weggespülte Arzneien, Farben und Lösemittel. Medikamentenwirkstoffe lassen sich nicht in der Kläranlage herausfiltern, sodass sie in die Fulda gelangen und Auswirkungen auf die Fische haben. Neben Müll, der bis auf Toilettenpapier vermeidbar wäre, holt Kasselwasser jährlich 530 Tonnen keimbelasteten Sand und Kies aus dem Abwasser, die der Regen von Dächern und Straßen spült.

Die Entsorgung kostet den Eigenbetrieb jährlich 100 000 Euro. Wer unzulässige Stoffe einleitet, muss mit Bußgeld bis zu 100 000 Euro rechnen. Jährlich werden 20 bis 30 Bußgelder verhängt. Die meisten davon in einer Höhe bis 2000 Euro.

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