Hartes Sanierungskonzept von Schlecker überraschte Kasseler Mitarbeiter – Kunden zeigen sich mitfühlend

Schlecker-Insolvenz: Zukunft der Drogerien ungewiss

Geschäft läuft bislang weiter: Elisabeth Janko (rechts), Mitarbeiterin in der Schlecker-Filiale an der Kunoldstraße (Wilhelmshöhe), bedient Jutta Dörr. Fotos: Ludwig

Kassel. Die Infoblätter, die an der Kasse der Schleckerfiliale in Oberzwehren ausliegen, wirken an diesem Tag wie Hohn. Darauf informiert das Unternehmen die Kunden über seine neue Sympathieoffensive. So ist zu lesen, dass die Mitarbeiter mit Schlecker „einen verlässlichen Arbeitgeber“ hätten.

Nachdem der Insolvenzverwalter am Mittwoch seine Radikalkur bekannt gab, kann davon nicht mehr die Rede sein.

„Das ist ein Witz. Ich finde das unter aller Sau“, sagt eine Mitarbeiterin. Eigentlich darf sie nicht mit der Presse reden. Da sie wegen eines neuen Jobs aber bereits selbst gekündigt hat, sprudelt es aus ihr heraus: Erst heute sei eine ihrer Kolleginnen telefonisch informiert worden, dass ihr gekündigt werde. „Mitarbeiterführung gleich Null“, macht sich die Verkäuferin Luft, die seit zweieinhalb Jahren für Schlecker an der Kasse sitzt. Ob ihr jetziger Arbeitsplatz von der Schließung betroffen ist, das wisse niemand in der Filiale.

In der Filiale in Wilhelmshöhe gibt sich Verkäuferin Elisabeth Janko schweigsam: „Wir dürfen nichts sagen.“

Dafür reden mehrere ihrer Kunden: Mit Marlene Dietz gibt eine Frau Auskunft, die eine persönliche Verbindung zur Firma hat. Sie hat jahrelang als Sekretärin für die ehemalige Drogeriekette Biegert gearbeitet, die von Schlecker aufgekauft wurde. „Ich denke jetzt vor allem an die Mitarbeiter.“ Über Firmengründer Anton Schlecker hat sie nichts Gutes zu berichten: „Der hat über seinem Niveau gelebt – und das auf Kosten der Mitarbeiter.“

Ähnlich sieht es Michael Frost: „Schlecker hat seine Firma zu sehr aufgepustet. An jeder Ecke gab es ja eine Filiale.“ Der Stammkunde hat besonders bedauert, dass die große Filiale im Atrium an der Wilhelmshöher Allee geschlossen wurde.

Für Holk Syborg, der nur selten bei Schlecker einkauft, liegen die Gründe für den Niedergang der Drogeriekette auf der Hand: „Das ist das Ergebnis eines schlechten Managements“, sagt der Rentner.

Ruth Brenneke will der Schlecker-Filiale in Wilhelmshöhe auch in schlechten Zeiten die Treue halten: „Der Laden ist gut, die Verkäuferin nett. Ich gehe gern hierher.“

„Mitarbeiterführung gleich Null.“

Jutta Dörr erzählt, dass sie sich beim Einkauf schon mit einer Kassiererin über deren Situation unterhalten habe. „Eine hat mir gesagt, dass die Medien Schuld seien, weil sie schlecht über die Märkte berichtet hätten.“ Dörr glaubt aber, dass viele Schlecker-Märkte in der Vergangenheit „zu klein und kruschelig“ waren. Erst zu spät habe die Firma investiert.

Das sagt Ver.di

„Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz“ Bei der Gewerkschaft Ver.di, Bezirk Nordhessen, gibt sich Erika Preuß, zuständig für den Einzelhandel, kämpferisch: „Wir haben in der Vergangenheit schon eine Reihe Arbeitskämpfe für Schlecker-Mitarbeiter vor Gericht geführt und gewonnen. Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz.“ Am morgigen Freitag und am Montag solle es Betriebsversammlungen mit Mitarbeitern aus Kassel und der Region geben. „Wir sind inzwischen gut in dem Betrieb organisiert.“

Für den 10. März sei eine hessenweite Demonstration von Schlecker-Mitarbeitern in Frankfurt geplant. Betroffen seien von den Entlassungen vor allem Frauen. Jetzt werde zwar gerade viel von Unternehmenszahlen gesprochen, aber dabei solle der Blick auf die Schicksale der betroffenen Menschen nicht vergessen werden. Preuß fordert ein glaubwürdiges Konzept von Schlecker sowie einen „Kulturwandel“. Dazu sei es notwendig, mit der alten Führung und den alten Führungsmethoden zu brechen. (bal)

Hintergrund

Im Stadtgebiet gibt es noch sieben Schlecker-Filialen. Einige Standort wie am Königstor und im Atrium sind bereits aufgegeben. Im Kreis Kassel gibt es unter anderem Filialen in Baunatal, Vellmar, Niestetal, Fuldatal, Ahnatal, Lohfelden und Schauenburg.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.