Von den Nazis ermordet: Das Schicksal der Kaufmannsfamilie Popper

Das Wohn- und Geschäftshaus der Familie Popper (vor Kopf) an der Obersten Gasse gegenüber der Garnisonkirche. Fotos: nh

Kassel. Der Familienzusammenhalt stand für die Poppers an erster Stelle. Als die Lebensbedingungen für Juden in Nazideutschland immer bedrohlicher und unerträglicher wurden, rückte die Kasseler Kaufmannsfamilie mehr und mehr zusammen.

Im Haus der seit 1936 verwitweten Mathilde Popper, Oberste Gasse 34, wo schon ihre Eltern einen Großhandel für Kurzwaren betrieben hatten, lebten zuletzt auch die erwachsenen Kinder Mirjam (geboren 1906), Siegfried (1905) und Flora (1908) sowie Enkeltochter Renée Fanny. Das Geschäft war bekannt. „Die billigste Bezugsquelle für Wiederverkäufer“ stand an der Hausfront gegenüber der Garnisonkirche.

In vielen Versuchen hatten sich Poppers bemüht, aus Deutschland zu fliehen. Lediglich Tochter Pepi war es im September 1937 gelungen, in die USA auszuwandern. Zwei Schwiegersöhne lebten in Paris, konnten der Familie in Kassel aber nicht helfen.

So war es Mathilde, die ihre Kinder ernährte und schützte, so gut sie konnte. Flora litt seit einer Fehlgeburt an einer psychischen Erkrankung. Nach einem Klinikaufenthalt kehrte sie nach Kassel zurück, wo Mutter und Geschwister die Pflege übernahmen.

Siegfried studierte Jura in Köln, seine Schwester Mirjam Medizin in Frankfurt. Sie heiratete den promovierten Juristen Jakob Laufer. Tochter Renée Fanny kam am 20. Oktober 1933 zur Welt. Während Jakob Laufer kurz darauf nach Paris emigrierte, lebten Renée und ihre Mutter bei Mathilde.

Siegfried Poppers Schicksal ist unbekannt.

Im Dezember 1938 wurde sie gezwungen, das Geschäft aufzugeben und das Haus zu verkaufen. Neuer Eigentümer wurde der benachbarte Bäckermeister.

Die fünf Poppers waren gezwungen, in einem Raum mit Küche allein vom Ersparten Mathildes zu leben.

„In dieser Situation“, sagt der Kasseler Historiker Wolfgang Matthäus, „suchte die Familie unter verzweifelten Anstrengungen nach Auswanderungsmöglichkeiten.“ Pepi bemühte sich von New York aus um kubanische Visa. Siegfried ging so weit, am 12. Juni 1939 einen Brief an den Reichskanzler zu schreiben: „In einer für mich wichtigen Sache wende ich mich an Sie, obwohl ich Jude bin. Ich glaube, das tun zu dürfen, denn vor neun Jahren habe ich einem verletzten Nationalsozialisten das Leben gerettet bei einem kommunistisch-nationalsozialistischen Zusammenstoß. (...)“ Er habe dies nicht getan, um sich der NSDAP anzubiedern, erklärt Siegfried, „ein solcher Versuch wäre für einen Juden aussichts- und würdelos gewesen. Ich tat es, um zu beweisen, dass ein ehrenhafter, stammesbewusster Jude, ungeachtet der eigenen Gefahr, ritterlich handelt auch an einem Gegner.“

Nachdem er darum gebeten hatte, „schleunigst“ auswandern zu dürfen, wurde er postwendend verhaftet. Nach seiner Entlassung aus der Schutzhaft stand seine Familie unter Beobachtung.

Mathilde Popper versuchte, die Familie zu retten.

Dies führte dazu, dass Mathildes Versuch, mithilfe von Fluchthelfern eine Auswanderung in die Niederlande zu organisieren, entdeckt wurde. Mutter und Sohn wurden am 1. Dezember 1939 verhaftet. Ihnen wurde der Besitz von Devisen im Wert von 200 Reichsmark vorgeworfen. Wegen „Verrats der deutschen Volkswirtschaft“ wurde Mathilde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Sie kam ins Arbeitserziehungslager Breitenau, anschließend in das KZ Ravensbrück, wo sie am 24. April 1942 den Tod fand.

Mirjam kam ohne Angabe von Gründen ebenfalls nach Breitenau. Die achtjährige Renée war im Waisenhaus, bis sie mit ihrer Mutter am 1. Juni 1942 nach Sobibor (Polen) deportiert wurden. Zwei Tage später waren beide umgebracht. Zuvor war Flora im Rahmen der Ermordung psychisch Kranker durch die Nazis getötet worden. Siegfrieds Schicksal ist ungeklärt. Vieles spreche dafür, so Matthäus, dass er nach Palästina wollte und auf seiner Flucht in Jugoslawien ermordet wurde.

Von Christina Hein

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