Demos auf dem Königsplatz

Wegen Nahostkonflikt: „Stimmung ist aufgeheizt“ - Zunehmender Hass auf Juden auch in Kassel

Erinnerte an die Aufnahme diplomatischer Beziehungen: Die israelische Flagge wehte bis gestern vor dem Rathaus in Kassel und sei keine Reaktion auf den Nahostkonflikt gewesen.
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Erinnerte an die Aufnahme diplomatischer Beziehungen: Die israelische Flagge wehte bis gestern vor dem Rathaus in Kassel und sei keine Reaktion auf den Nahostkonflikt gewesen.

Den eskalierenden Nahostkonflikt bekommen auch Kasseler Juden zu spüren. Die Lage sei aufgeheizt wie selten. Zwei Demos stoßen nun aufeinander.

Kassel – Nach den antisemitischen Vorfällen in Gelsenkirchen und anderen Städten sind auch Kasseler Juden besorgt, in den eskalierenden Nahostkonflikt hineingezogen zu werden. An diesem Samstag (ab 16 Uhr) finden auf dem Königsplatz gleich zwei Demonstrationen statt – zum einen von der Bewegung „Palästina spricht“ unter dem Motto „Wir werden nach Hause kommen“, zum anderen unter dem Titel „Gegen Antisemitismus – Solidarität mit Israel“ vom Jungen Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG). Auf beiden Seiten spricht man von einer aufgeheizten Stimmung.

Gleich zwei antisemitische Vorfälle ereigneten sich am Mittwoch vor dem Rathaus, wo die Flagge Israels gehisst war. Dort soll ein 50-Jähriger mit türkischer Staatsbürgerschaft durch antisemitische Parolen auffällig geworden sein. Zudem kündigte er angeblich an, die Fahne abzureißen. Der Staatsschutz ermittelt wegen Volksverhetzung.

Nahostkonflikt zwischen Israel und Palästina: Antisemitische Vorfälle in Kassel

Ebenfalls am Mittwoch wollte der Rabbiner Shaul Nekrich die Fahne fotografieren, wie Ilona Katz von der Jüdischen Gemeinde der HNA berichtete, als neben ihm eine Gruppe Männer auf „Scheiß Juden“ geschimpft habe. Weil Nekrich eine Baseball-Mütze getragen habe, sei er nicht erkannt worden. Der heutige Gottesdienst in der Synagoge in der Bremer Straße wurde wegen der Pro-Palästina-Demo abgesagt. „Wir wollen unsere Leute schützen. Die Stimmung ist aufgeheizt wie selten“, sagt Esther Haß von der Jüdischen Gemeinde.

Nach Informationen der HNA bleibt deswegen auch die gerade erst vorgestellte „Schalom“-Tram der KVG im Depot. Sie erinnert mit ihrer Beschriftung an 1700 Jahre jüdisches Leben in Kassel. Das Bündnis gegen Antisemitismus veranstaltete bereits am Freitag eine Mahnwache in der Innenstadt.

„Purer Antisemitismus“: Juden-Hass wegen Nahostkonflikt auch in Kassel - Gewaltbereitschaft nimmt zu

Markus Hartmann von der DIG beobachtet schon seit Jahren, „dass die Gewaltbereitschaft gegenüber Juden in Deutschland zugenommen hat“. Für Esther Haß ist es nicht fünf vor, sondern fünf nach zwölf. Das Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde klagt über Angriffe von Rechts und Muslimen: „Wir müssen hier einen Stellvertreterkrieg für den Nahostkonflikt durchleben. Wenn Israel und Juden gleichgesetzt werden, ist das purer Antisemitismus.“ Für die Vorsitzende Katz „ist es schon Alltag geworden, dass man auf der Straße beschimpft wird.“

Pro-Palästina-Demo wegen Nahostkonflikt in Kassel: Mitglieder hoffen auf „friedliche Demonstration“

Haß hätte sich gewünscht, dass die Pro-Palästina-Demo nicht hätte stattfinden dürfen. Unter dem Titel „Nakba“ findet sie nicht zum ersten Mal statt. Der Begriff steht im Arabischen für Katastrophe und meint die Staatsgründung Israels am 14. Mai 1948, mit dem die Palästinenser die Vertreibung von geschätzt 700 000 Menschen verbinden.

Ahmed Tubail von der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft (DPG) hofft auf eine „friedliche Demonstration“. Die Eltern des Wirtschaftswissenschaftlers aus Fuldatal wurden einst selbst vertrieben. Sein Bruder lebt im „Freiluftgefängnis Gaza“, wie der 55-Jährige den Landstreifen nennt.

Tubail wendet sich gegen jeglichen Antisemitismus, wie er betont, klagt aber, dass man in Deutschland kaum Kritik an der israelischen Besatzungspolitik äußern könne, ohne als Antisemit zu gelten. Ähnlich sieht es Brigitte Domes (DPG). Das Existenzrecht Israels werde nicht infrage gestellt, wie es den Veranstaltern der Nakba-Demo in Frankfurt vorgeworfen wird. Domes verurteilt nicht nur die Raketen der Hamas, sondern auch die Opfer in der palästinensischen Zivilbevölkerung.

Nahostkonflikt: Pro-Palästina und „Gegen Antisemitismus“ - Zwei Demos treffen in Kassel aufeinander

Kritiker fragen, wieso die Stadt beide Demos auf dem Königsplatz genehmigt hat. Ein Sprecher sagt, es sei der Wunsch beider Anmelder gewesen. Alternative Standorte seien belegt.

Tubail erwartet mehr als die angemeldeten 40 Teilnehmer: „Die Gefühle vieler Palästinenser sind am Kochen.“ Wie er hofft auch Domes, dass alles gut geht, denn: „Für manch junge Muslime ist schon eine Israel-Flagge eine Provokation.“ Hartmann von der DIG erwartet, dass man heute „das wahre Gesicht der Teilnehmer sehen wird“.

„Gegen jede Form des Antisemitismus“: Stadt Kassel hisst Fahne Israels nicht als Reaktion auf Nahostkonflikt

Die Israel-Flagge, die die Stadt am Mittwoch vor dem Rathaus hisste, war keine Reaktion auf den Angriff der Hamas. Die Fahne wird jedes Jahr gehisst, um an die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland am 12. Mai 1965 zu erinnern. Wegen eines Fehlers wurde die Fahne bereits am Mittwochabend wieder eingeholt. Später wurde sie wieder gehisst. Wie geplant hing sie bis Freitagabend. Ein Sprecher teilt mit: „Die Stadt steht in historischer Verantwortung fest an der Seite Israels und ihrer israelischen Partnerstadt Ramat Gan. Sie stellt sich klar gegen jede Form des Antisemitismus.“ (Matthias Lohr)

Es kam bereits auf einigen Querdenken-Demos, unter anderem in Kassel, zu mehreren antisemitischen Vorfällen.

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