Für 250 Euro verkauft

Zur Prostitution gezwungen: Was einer Bulgarin in Kassel geschah

Kassel. Die knallharten Methoden von Menschenhändlern macht der Fall einer jungen Frau aus Bulgarien deutlich, die in Kassel zur Prostitution gezwungen wurde.

Für 500 Lewa (umgerechnet rund 250 Euro) war die 26-Jährige in ihrem Heimatort über einen Mittelsmann verkauft worden. Ihr „Käufer“ brachte sie in eine Terminwohnung in der Kasseler Innenstadt, wo sie anschaffen sollte.

Als die Frau kaum Einnahmen brachte, weil sie den Wünschen der Freier nicht nachkam, versuchte ihr Zuhälter sie zunächst mit Schlägen gefügig zu machen – und verkaufte sie dann für 800 Euro weiter. Auch bei dem neuen Zuhälter, der die junge Bulgarin in eine Wohnung am Großen Kreisel brachte, verweigerte sie sich den Freiern. Zwei Tage vor Weihnachten gelang es ihr schließlich, sich zu befreien. Von Passanten wurde sie zur Polizei gebracht.

Das Opfer habe eine umfassende Aussage gemacht, berichtet Ermittler Peter Keyser vom K12 der Kasseler Kripo – doch zu einer Anklage der mutmaßlichen Täter kam es nicht. „Es stand Aussage gegen Aussage.“ Ein häufiges Problem bei Menschenhandel und Zwangsprostitution. Zwölf Fälle hat die Kasseler Kripo im vergangenen Jahr abgeschlossen. Die Ermittler wissen, dass es nur die Spitze des Eisbergs ist, die ans Licht kommt.

Ralf Christ

Zu Verurteilungen komme es nur sehr selten, sagt Ralf Christ, Leiter des K12. Mitunter nähmen die betroffenen Frauen auch ihre Aussagen zurück, weil sie aus den Täterkreisen unter Druck gesetzt würden. Dann werde beispielsweise gedroht, der Familie in der Heimat könne etwas zustoßen. Solche Druckmittel würden von den Zuhältern oftmals auch eingesetzt, um die Frauen für die Prostitution gefügig zu machen.

Liebesdienste rund um die Uhr

In den Terminwohnungen oder Bordellen müssen viele betroffene Frauen sich fast rund um die Uhr für Freier bereit halten. „Es ist kaum zu glauben, was da für ein Betrieb herrscht, sogar um die Mittagszeit“, sagt ein Ermittler.

Petra Hammer-Scheuerer

Die Umstände, unter denen die Opfer arbeiten müssten, seien in den vergangenen Jahren schlimmer geworden, sagt Petra Hammer-Scheuerer, Leiterin der Fachberatung Franka. Die Frauen dürften keinen Freier ablehnen und müssten alle Wünsche erfüllen – auch ohne Kondom. Auch die Ansprüche der Freier hätten sich verändert, so Hammer-Scheuerers Eindruck: „Es gibt offenbar zunehmend die Haltung: Ich zahle, also kann ich mit der Frau machen, was ich will – wie bei einer Ware.“ Entsprechend traumatisiert seien die Opfer, wenn sie Hilfe bei der Fachberatung suchen.

Sorge bereitet den Franka-Fachberaterinnen auch, dass immer häufiger Kinder von der Notlage ihrer Mütter mitbetroffen sind. Zwar sei es die Ausnahme, dass die Kinder direkt etwas von der Prostitution mitbekommen. Doch auch sie litten unter der Ausnahmesituation der Mutter. So zeigten einige Kinder Verhaltensauffälligkeiten – nässten sich beispielsweise ein oder legten beim Spielen große Zerstörungswut an den Tag. Eine Tochter im Teenageralter habe einen Suizidversuch unternommen. Auch um den Hilfebedarf der Kinder kümmern sich die Fachberaterinnen – zusätzlich zur Arbeit mit den Opfern.

So erkennt man Zwangsprostitution

Aus Angst machen die betroffenen Frauen bei Kontrollen im Rotlichtmilieu meist nicht auf ihre Notlage aufmerksam. Die Polizei ist deshalb auch auf Hinweise von Freiern angewiesen, die den Eindruck haben, dass eine Frau zur der Prostitution gezwungen wird. Eine Frau könnte Opfer von Menschenhandel sein und Hilfe brauchen, wenn ...

• sie den Preis für ihre Dienste nicht selbst aushandelt und das Geld nicht selbst in Empfang nimmt

• sie keinen Schlüssel für ihr Zimmer oder ihre Wohnung hat

• sie verängstigt wirkt und weint

• sie scheinbar willenlos alle Kundenwünsche erfüllt

• sie nicht auf den Gebrauch eines Kondoms besteht

• ihr Körper Spuren von Misshandlung aufweist

Lesen Sie dazu auch:

Zwangsprostitution in Kassel: Die Täter sind oft skrupellos

Rubriklistenbild: © dpa

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