Zusteller im Dauerdienst: Gewerkschaft fordert systematische Kontrollen

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Fahrer im Dauerstress: Paketzusteller arbeiten nach Beobachtungen der Gewerkschaft Ver.di regelmäßig zwölf Stunden und mehr am Tag.

Kassel. Michael G. (Name geändert) hat sieben Jahre lang als Paketzusteller gearbeitet. Er war bei zwei verschiedenen Subunternehmen beschäftigt, die für den Paketdienst DPD fahren. Halb 6 Uhr morgens Dienstbeginn im Depot in Gudensberg, und dann fahren, bis die Ladung abgearbeitet ist.

300 Pakete pro Tag in der Zustellung seien es nicht selten gewesen, berichtet der 38-Jährige. Für 1500 Euro netto habe er im Schnitt zwölf Stunden täglich gearbeitet, sagt der zweifache Familienvater. Laut Arbeitszeitgesetz sind maximal zehn Stunden erlaubt.

Solche Verstöße sind nach den Erkenntnissen der Gewerkschaft Ver.di die Regel bei den etwa 1000 Kurier- und Expressdienstfahrern in Nordhessen. Sie fordert deshalb mehr Kontrollen. Manuel Sauer, bei Ver.di für Postdienste, Speditionen und Logistik zuständig, kritisiert nicht zum ersten Mal, dass nicht nur Tariflöhne in der Branche ignoriert werden, sondern auch Arbeitsschutzgesetze strukturell nicht eingehalten werden. „Das Arbeitszeitgesetz spielt keine Rolle in der Tourenplanung“, sagt Sauer. Nahezu alle Paketdienstleister rechneten den Gesetzesverstoß in ihre Kalkulation mit ein. Das liege auch daran, dass die Kontrollen viel zu lasch seien.

Im Amt für Arbeitsschutz des Regierungspräsidiums (RP) Kassel sind zwei Beamte für die Überwachung von Fuhrunternehmen zuständig. Ver.di fordert, dass das Personal aufgestockt wird. „Wenn das RP mal wirklich systematisch prüfen würde, würde der Markt sich verändern“, sagt Sauer. Merkten Arbeitgeber, dass sie achtgeben müssen, würde der Wettbewerb in der Branche nicht mehr auf dem Rücken der Arbeitnehmer ausgetragen, ist sich der Gewerkschafter sicher. Die Strafen bei Verstößen gegen das Arbeitszeitgesetz sowie gegen Lenk- und Ruhezeiten seien empfindlich.

„Wenn nicht geblitzt würde, würden sich viele Autofahrer auch nicht an die Tempobegrenzung halten“, sagt Sauer. Ein Arbeitszeitgesetz nütze wenig, wenn es keiner kontrolliere. Das RP verweist darauf, dass die Kontrollrichtlinien den Aufsichtsbeamten kaum Handhabe gäben (siehe Artikel rechts). Der Nachweis von Verstößen sei daher schwierig. Bei entsprechenden Hinweisen werde diesen aber nachgegangen.

Über die Handscanner, mit denen die Zusteller die ausgelieferten Pakete erfassen, könne man die Arbeitszeit der Fahrer ohne Weiteres kontrollieren, lautet Sauers Vorschlag. Hier sieht das RP allerdings Probleme wegen des Datenschutzes. Es gebe keine rechtliche Grundlage für die Überprüfung der Scan-Geräte.

Michael G. weiß aus seiner Erfahrung als Paketzusteller, dass beim Dokumentieren der Arbeitszeit regelmäßig geschummelt wird. Er sei dazu angehalten worden, den Beginn der Arbeitszeit erst mit Fahrtbeginn einzutragen. Da habe er aber meist schon zwei Stunden Arbeit am Paketband im Depot hinter sich gehabt. Unter den Fahrern sei deshalb vom „Lügenbuch“ die Rede gewesen.

Von Katja Rudolph

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