Nils Kampe verteilt trotz Handicap täglich Briefe

Zusteller hat nur einen Arm: Den Job macht er mit links

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Zusteller mit Handicap: Nils Kampe bei seiner Tour durch Kassel.

Kassel. Es herrscht geschäftiges Treiben morgens um acht in der Kasseler Hauptpost. Briefzusteller sortieren bereits seit fünf Uhr morgens Päckchen, Umschläge und Postkarten. Unter ihnen Nils Kampe: Der 34-Jährige ist einer von drei Kollegen, die nur einen Arm haben, und täglich die Post austragen.

Trotz Behinderung geht ihm die Arbeit schnell von der Hand: „Ich bin es ja nicht anders gewöhnt“, sagt Kampe, der mit der Behinderung geboren wurde. Noch im Mutterleib hat sich die Nabelschnur um sein Handgelenk gelegt. Ab diesem Zeitpunkt ist seine Hand nicht mehr weitergewachsen, sodass nur Ansätze der Finger ausgebildet sind.

Oft trauten ihm die Leute die Arbeit nicht zu, erzählt er. „Dabei würde ich sogar sagen, dass ich einer der Schnellsten bin, sportlich gesehen.“

Sein Ausbilder war selbst einarmig und hat ihm einige wichtige Kniffe mit auf den Weg gegeben. So nutzt er seinen verkürzten und nicht voll ausgebildeten Arm als Postablage, während er mit der anderen Hand Briefe verteilt.

„Ich habe einmal einen Elektrowagen für die Briefe bekommen“, erzählt Kampe, der mit seiner Lebensgefährtin und seinem zweijährigen Sohn in Westuffeln bei Calden lebt. Er sollte den Wagen testen, um zu sehen, ob die Arbeit damit leichter wird. „Der Wagen konnte sogar Treppen hochfahren. Aber er war mir zu langsam.“

Souverän schiebt er seinen Karren mit dem linken Arm weiter, der andere Arm hält die Briefe. Auf 50 bis 60 Kilogramm schätzt er seine Ladung, die er bis etwa 13 Uhr verteilt. Dann endet seine Schicht. Kampe ist täglich in der Innenstadt unterwegs, wo viele Geschäftshäuser angesiedelt sind.

„Ich habe mit am meisten Post“, sagt er. „Andere müssen dafür mehr laufen. Das gleicht sich dann wieder aus.“ Zu Weihnachten merke er die einseitige Belastung jedoch. „Da sind die Sendungsmengen größer“, erzählt er. Schmerzen an Schulter und Wirbelsäule bleiben dann nicht aus. „Aber am nächsten Tag ist es meist schon wieder besser.“

Kampe möchte seinen Job bis zur Rente ausüben. „Ich bin einfach gern an der frischen Luft. Man hört und sieht immer etwas.“ Er könne sich jedenfalls nicht vorstellen, jeden Tag acht Stunden im Büro zu sitzen. (rax)

Von Miriam Linke

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