Zwangsprostitution: Ermittler setzen auf neues Gesetz

Zwangsprostitution: "Der moderne Zuhälter ist heutzutage Vermieter"

Kassel. Wenn die neue Bundesregierung gewählt worden ist, dann soll zügig das Prostituiertengesetz in Deutschland geändert werden. Dadurch sollen den Frauen mehr Rechte gegeben und die Zwangsprostitution besser bekämpft werden. Über die Situation in Kassel sprachen wir mit Ermittlern des Kommissariats für Sexualdelikte.

Die Bulgarin sei Anfang 20 gewesen, als sie sich getraut habe, ihren Zuhälter anzuzeigen, weil er sie zur Prostitution gezwungen habe. Der Mann, der bereits zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden war, musste in Untersuchungshaft.

Nach fünf Tagen zog die junge Frau ihre Aussage zurück und tischte den Ermittlern des Kommissariats für Sexualdelikte (K 12) eine „unglaubwürdige Geschichte“ auf. „Jeder wusste, dass die Frau unter Druck gesetzt worden war. Wir mussten ihren Zuhälter aber wieder auf freien Fuß lassen“, sagt der Erste Kriminalhauptkommissar Jörg Kruse, Leiter des K 12.

Er und seine Kollegen setzen auf die Änderung des Prostituiertengesetzes durch die neue Bundesregierung. „Wir hoffen, dass das Dunkelfeld durch die neue Gesetzeslage aufgehellt wird, weil wir dann einfach mehr Möglichkeiten zu Kontrollen haben“, sagt Kruse. Bislang sei es so, dass die Polizei nur einen Bordellbetrieb aufsuchen dürfe, wenn es konkrete Anhaltspunkte für eine Straftat gebe oder ein Mensch in Gefahr sei.

Die Ermittler erachten es aber als wichtig, künftig auch anlassunabhängige Kontrollen bei den Betreibern machen zu können, um zu erfahren, welche Frauen überhaupt in den Bordellen ihre Dienste anbieten. Wie viele Frauen in Kassel zur Prostitution gezwungen werden, darüber hat die Polizei keine konkreten Zahlen. In diesem Jahr sind bereits 15 Verfahren wegen des Verdachts des Menschenhandels eingeleitet worden (2012: 19 Fälle).

Derzeit müssen die Ermittler mithilfe von Kleinanzeigen in der Zeitung und einschlägigen Internetportalen herausfinden, wo die Sexarbeiterinnen sich in Kassel niedergelassen haben. „Die arbeiten nicht mehr so viel auf der Straße“, sagt Kruse Die meisten böten ihre Dienste in Terminwohnungen im gesamten Stadtbezirk (außerhalb des Sperrbezirks in der Innenstadt) an. „Der moderne Zuhälter ist heutzutage Vermieter.“

Die Männer kassierten für die Zimmer zwischen 50 und 120 Euro pro Tag. Das sei nicht strafbar. Die Kripobeamten setzen auf einen neuen Paragrafen zum Menschenhandel. Wenn einem Zuhälter nachgewiesen werde, dass er einer Prostituierten 50 Prozent oder mehr ihrer Einnahmen abnimmt, dann sei der objektive Tatbestand des Menschenhandels erfüllt. „Dann brauchen wir die Aussage der Frauen nicht mehr.“

Viele Mädchen und junge Frauen aus Osteuropa, die den Großteil ihres Lohns abgeben müssten, fühlten sich nämlich gar nicht als Opfer. Wenn die von 100 Euro fünf Euro behalten dürften und zehn Freier am Tag hätten, dann kämen sie auf 50 Euro Verdienst pro Tag. „Das ist viel Geld für die Frauen. Deshalb zeigen sie ihre Zuhälter auch oft nicht an.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

Loverboy in Kassel vor Gericht

Loverboy war der Titel des jüngsten Schimanski-Krimis, der kürzlich in der ARD ausgestrahlt worden ist. Im kommenden Jahr wird sich ein sogenannter Loverboy in Kassel vor Gericht verantworten müssen. Laut Polizei hatte er ein 16-jähriges Mädchen aus Kassel in einer Disco kennengelernt und ihr die große Liebe vorgespielt. Die beiden schmiedeten Zukunftspläne, inklusive Hausbau.

Das geht aber nicht ohne Geld. So überredete der Mann seine verliebte Freundin, für die gemeinsame Zukunft anschaffen zu gehen. Das Mädchen habe drei Jahre benötigt, um die Beziehung zu beenden. Es sei der erste Fall, dass ein Mann in Kassel wegen der Loverboy-Methode angezeigt worden ist. (use)

300 bis 350 Prostituierte

Die Ermittler des Kommissariats für Sexualdelikte gehen davon aus, dass es in Kassel derzeit 300 bis 350 Prostituierte gibt. Der Großteil arbeitet in sogenannten Terminwohnungen, die in 80 bis 100 Häusern über die gesamte Stadt verteilt sind. 70 bis 80 Prozent der Sexarbeiterinnen kommen aus Osteuropa, die meisten davon aus Bulgarien und Rumänien. Etwa fünf Prozent der Prostituierten sind Deutsche.

Daneben gibt es noch den illegalen Straßenstrich an der Gießbergstraße/Jägerstraße. Ein Teil dieser Prostituierten ist drogenabhängig und geht nur anschaffen, wenn neuer Stoff benötigt wird. „Das sind die Ärmsten der Armen“, sagt Jörg Kruse. Zum Teil zahlten die Freier an diese Frauen nur 20 Euro und verlangten Verkehr ohne Kondome. In diesem Jahr wurden bei der Fachberatung Franka in Kassel 30 Zwangsprostituierte betreut, sagt Petra Hammer-Scheuerer (Diakonisches Werk).

Die meisten Aussteigerinnen kämen aus Osteuropa. Sie seien entweder über die Polizei, Frauenhäuser, aber auch durch Freier, die auf ihre Zwangslage aufmerksam geworden sind, zu Franka vermittelt worden. Es falle auf, dass Zwangsprostituierte durch ihre Zuhälter immer mehr traumatisiert würden. Zum Teil müssten sie bis zu 20 Freier an einem Tag bedienen.

Immer mehr Aussteigerinnen müssten in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht werden. Das Gros der Prostituierten aus Osteuropa habe keine Bildung. Sie könnten weder lesen noch schreiben. (use)

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.