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Zwei Kasseler Freunde nehmen Abschied: 105-Jähriger zieht nach Norddeutschland

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Von: Thomas Siemon

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Zusammen sind sie 201 Jahre alt: Vor dem Umzug nach Norddeutschland hat der 96-jährige Winfried Jacob (links) seinen Freund Heinz Ehrenberg (105) noch einmal besucht.
Zusammen sind sie 201 Jahre alt: Vor dem Umzug nach Norddeutschland hat der 96-jährige Winfried Jacob (links) seinen Freund Heinz Ehrenberg (105) noch einmal besucht. © Thomas Siemon

Winfried Jacob (96) hat sich von seinem langjährigen Freund Heinz Ehrenberg (105) verabschiedet. Die Kasseler kennen sich schon ewig.

Kassel – Als es dann wirklich so weit war und sie sich verabschieden mussten, hatten beide feuchte Augen. Das ist auch kein Wunder, denn der 96-jährige Winfried Jacob und der 105-jährige Heinz Ehrenberg sind schon eine halbe Ewigkeit befreundet. Jetzt steht fest, dass der Ältere zusammen mit seiner Tochter nach Norddeutschland ziehen wird. „Ob wir uns noch einmal wiedersehen?“, sagt Winfried Jacob beim Abschied. „Das weiß nur der da oben“, antwortet Heinz Ehrenberg.

Sie sind beide in den 1930er-Jahren an der Weinbergstraße in Kassel groß geworden. Eine vornehme Gegend sei das gewesen in direkter Nachbarschaft zu den Henschelvillen, erzählen sie. Trotz des Altersunterschieds haben die beiden viele Gemeinsamkeiten. Nicht nur die Kriegserlebnisse als Soldaten und die Gefangenschaft. Das fängt schon in der frühen Jugend und dem Abitur am Wilhelmsgymnasium an. Das befand sich damals noch gleich nebenan am Standort des heutigen Friedrichsgymnasiums.

Die alten Henschenvillen in Kassel am Weinberg.
In Kassel sind sie aufgewachsen: die Henschelvillen waren in direkter Nachbarschaft. © Stadtmuseum

Allein über die Schule und die Nachbarn könnten die beiden alten Freunde den ganzen Tag reden. Unter anderem über die Besuche in der Villa von Oskar Henschel, die später abgerissen wurde. Auf dem Dachboden habe es eine Eisenbahn zum Spielen für die Kinder gegeben. So groß, dass man sich wie bei einem Karussell auf die Lok und die angehängten Wagen setzen konnte. Da sei dann immer ein Angestellter der Familie Henschel als Aufsicht dabei gewesen.

Der Tennisplatz gleich nebenan, der im Krieg ebenso wie viele der schönen Häuser zerstört wurde. Das junge Mädchen aus der Nachbarschaft, das einmal den späteren Ministerpräsidenten Georg-August Zinn heiraten sollte, oder der Biergarten, der mit den Getränken aus dem Lager in den Stollen des Weinbergs versorgt wurde.

Und dann war da noch die Kasseler Farben- und Lackfabrik Rosenzweig & Baumann. Die spielte eine ganz entscheidende Rolle im Leben der beiden Freunde. Denn Heinz Ehrenberg war das Adoptivkind der jüdischen Unternehmerfamilie Paul und Cläre Ehrenberg. Die erkannten schon sehr früh, welche Gefahr für sie nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 drohte.

So sah es in der Farben- und Lackfabrik Rosenzweig & Baumann aus.
Rückblick: So sah es in der Farben- und Lackfabrik Rosenzweig & Baumann aus. © Stadtmuseum Kasseö

Wenige Monate später unterzeichnete Paul Ehrenberg eine Verzichtserklärung als Gesellschafter von Rosenzweig & Baumann. Die Eltern und der jüngere Bruder wanderten aus, der damals 15-jährige Heinz wollte Kassel nicht verlassen und bekam einen Vormund.

Als die Firma 1935 zwangsarisiert wurde, gab es heimliche Unterstützung durch die Jacobs. „Meine Mutter und eine Sekretärin schrieben nächtelang Rezepturen für Lacke und Farben ab“, sagt Winfried Jacob. Vor einer Hausdurchsuchung durch die SS hatte man gerade noch Zeit, die Dokumente zu verstecken. Die Abschriften der Rezepturen hat die SS nicht gefunden. Mit diesem Schatz im Gepäck konnte der Inhaber Ernst Baumann in Südafrika neu anfangen. Er kehrte 1948 nach Kassel zurück.

Gemeinsam mit dem Vater von Winfried Jacob leitete er die Firma bis zu seinem Tod im Jahr 1952. Der Sohn war der letzte Geschäftsführer der bis 1989 bestehenden Firma. Die stand auf dem Gelände des heutigen Intercity Hotels am Bahnhof Wilhelmshöhe.

Aufnahme aus jungen Jahren: Heinz Ehrenberg mit Ehefrau Nikoline.
Aufnahme aus jungen Jahren: Heinz Ehrenberg mit Ehefrau Nikoline. Repros Thomas Siemon © Privat

Über all die Jahre haben Heinz Ehrenberg und Winfried Jacob immer den Kontakt gehalten. Und das, obwohl der Ältere der beiden nach dem Krieg nach Langenhain (Gemeinde Wehretal) im Werra-Meißner-Kreis zog. Dort hatten seine Adoptiveltern Anfang der 1930er-Jahre einen Hof mit größeren Ländereien gekauft und ihm überschrieben. Hier hat Heinz Ehrenberg viele Jahre gewohnt und gearbeitet. Zusammen mit seiner Frau Nikoline, die vor zehn Jahren gestorben ist, und den Kindern.

Auch jenseits der 90 hat Winfried Jacob – er ist ebenfalls Witwer – den alten Freund immer noch mit dem eigenen Auto besucht. Im Februar steht allerdings der Umzug auf einen Bauernhof in Norddeutschland an. Richtig schön sei es da und gar nicht so weit weg von der Heimat seiner Frau, sagt Heinz Ehrenberg. Tochter Helga wird sich dort um ihn kümmern.

Jugendfoto: Winfried Jacob als Schaffner.
Jugendfoto: Winfried Jacob als Schaffner. © Privat

„Mir fällt nach all den Jahren der Abschied wirklich schwer“, sagt Winfried Jacob. Telefonisch werde man sicher weiterhin in Kontakt bleiben. Dann nehmen sie sich noch mal in den Arm –vielleicht zum letzten Mal.

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