Zweite Impfung besonders wichtig

In Kassel: Warum Corona-Fälle mit der Delta-Variante oft unerkannt bleiben

Im Testzentrum der Kassenärztlichen Vereinigung auf dem Gelände des Klinikums Kassel kann man PCR-Tests machen lassen. Zuvor muss man allerdings bei einer Hotline anrufen.
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Im Testzentrum der Kassenärztlichen Vereinigung auf dem Gelände des Klinikums Kassel kann man PCR-Tests machen lassen.

Die Delta-Variante breitet sich in Deutschland immer weiter aus. In Kassel wurden bislang nur wenige Fälle nachgewiesen.

Kassel - Bundesweit beherrscht die Delta-Variante das Infektionsgeschehen beim Coronavirus. 74 Prozent aller Fälle führt das Robert-Koch-Institut (RKI) auf die erstmals in Indien aufgetretene Variante zurück (Stand 15.07.2021). Anders sieht das in Kassel aus: Laut Stadtsprecher Michael Schwab gehen hier lediglich 2,8 Prozent der in den vergangenen drei Wochen gemeldeten Fälle auf Delta zurück, eine deutlich größere Anzahl allerdings auf die erstmals in Großbritannien aufgetauchte Alpha-Variante (24,4 Prozent).

Wie viele Infizierte sich in Stadt und Kreis Kassel tatsächlich mit der Delta-Variante angesteckt haben, lässt sich jedoch nicht eindeutig sagen. Denn: Nicht jedes Labor wertet diese Information aus. Das machen folgende Zahlen deutlich: Im Zuständigkeitsbereich des Gesundheitsamtes Region Kassel gab es den ersten Fall mit der Delta-Variante am 20. Mai. Seitdem wurden 688 Fälle gemeldet. In 484 Fällen gibt es wegen fehlender variantenspezifischer Diagnostik der Labore keine nähere Zuordnung – also beim Großteil der Fälle. Bei 19 Fällen ist die Delta-Variante gesichert, bei 165 die Alpha-Variante. Bei 29 Fällen handelt es sich laut Schwab um andere Varianten, die nicht zu den vom RKI als besorgniserregend eingestuften Virusvarianten gehören.

Delta-Variante in Kassel: Erster Fall am 20. Mai nachgewiesen

Ungewöhnlich ist es nicht, dass nur ein Teil der positiven Proben mit Blick auf die Variante ausgewertet werden. Betrachtet werden immer Stichproben. Laut RKI lag deren Zahl für Deutschland zuletzt bei 22 Prozent. Das sei – auch im internationalen Vergleich – ein großer Anteil, so RKI-Pressesprecherin Susanne Glasmacher.

Dass das RKI die Delta-Variante als besorgniserregend einstuft, liegt daran, dass sie nicht nur ansteckender ist als andere Varianten, sondern eine Impfung nach der ersten Dosis auch deutlich weniger schützt. Bei den Verläufen ist die Datenlage dagegen noch sehr dünn. Die Stadt hatte zuletzt etwa mitgeteilt, dass die Verläufe bei den ersten in Kassel mit der Delta-Variante Infizierten nicht schwer gewesen seien. Von ihnen musste niemand im Krankenhaus behandelt werden.

Delta-Variante kann besser an Zelle andocken

Die Forschung geht davon aus, dass die Übertragbarkeit der erstmals in Indien aufgetauchten Delta-Variante höher ist als beim Wildtyp. Grund dafür ist laut Dr. Marcus Thomé eine Änderung im Bauplan des Spikeproteins. Das Virus kann somit besser an Zellen anzudocken und dort aufgenommen werden. Für die höhere Übertragbarkeit spricht laut Thomé der Anstieg der Fallzahlen und die Dominanz der Delta-Variante in Deutschland seit etwa zwei Wochen. 

Kassel: Keine Patienten mit Delta-Variante im Klinikum

Auch im Kasseler Klinikum wurde noch kein Delta-Varianten-Patient versorgt. Die beiden Patienten, die dort aktuell behandelt werden, haben einen längeren Krankheitsverlauf und waren daher nicht mit der Delta-Variante infiziert, sagt Dr. Marcus Thomé, Chefarzt für Infektionsdiagnostik. So habe man noch keine Erfahrung mit Verläufen bei dieser Variante machen können.

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Delta-Variante des Coronavirus: Zweite Impfung besonders wichtig

Nach einem Tiefststand bei den Coronafällen Anfang Juli steigen die Zahlen wieder leicht. Experten blicken dabei vor allem auf die Delta-Variante. Fragen und Antworten:

Welche Varianten gibt es zurzeit in Deutschland? In Deutschland werden mehrere Varianten beobachtet, darunter die laut Robert-Koch-Institut (RKI) besorgniserregenden Varianten Alpha, Beta, Gamma und Delta. Sie weisen laut RKI Mutationen auf, sodass sie als ansteckender gelten und eine unvollständige Impfung teils nicht so wirksam ist wie bei anderen Varianten.

Seit Ende Juni ist die Delta-Variante (früher indische Variante) deutschlandweit die dominierende Virusvariante. In Stadt und Kreis Kassel gab es allerdings erst 19 nachgewiesene Fälle, wobei zu beachten ist, dass beim Großteil der positiven Proben die Virusvariante nicht bestimmt wird. Die Verbreitung der Delta-Variante seit März hat die Alpha-Variante (früher britische Variante), die sich in den ersten Monaten dieses Jahres ausgebreitet hatte, in Deutschland verdrängt. Der Anteil von Alpha beträgt laut RKI nur noch 33 Prozent. In Kassel und im Landkreis hatte er Ende März noch bei über 70 Prozent gelegen.

Die Varianten Beta (früher südafrikanische Variante) und Gamma (früher brasilianische Variante) breiten sich derzeit nicht aus: Ihr Anteil lag in den vergangenen Wochen bei einem Prozent.

Wieso gilt die Delta-Variante als ansteckender? Bei Infektionen mit der Alpha-Variante ist ein R-Wert von 3 bis 4 ermittelt worden. Das bedeutet, ein Infizierter steckt – ohne Eindämmungsmaßnahmen – im Schnitt 3 bis 4 weitere Leute an. Beim Urtyp lag der R-Wert bei 1,6 bis 2,6. Bei der Delta-Variante liegt er dagegen nach bisherigen Erkenntnissen bei 5 bis 6. Ein Infizierter steckt also im Schnitt deutlich mehr Menschen an.

Wie hat sich die Sieben-Tage-Inzidenz zuletzt in Kassel und im Landkreis entwickelt? Wie im Rest von Deutschland ist auch in Stadt und Kreis Kassel die Sieben-Tage-Inzidenz wieder leicht gestiegen – lag dabei aber jeweils unter dem hessenweiten Wert. Die niedrigste Inzidenz in Kassel hat das Gesundheitsamt mit einem Wert von je 4,0 am 30. Juni und 1. Juli angegeben. Seither ist der Wert wieder nach oben gegangen – und erreichte den bisherigen Höchststand am 10. Juli (8,4). Seither ist er allerdings wieder gesunken und lag am Mittwoch bei 6,4. Im Kreis lag der Tiefstwert bei der Inzidenz am 4. und 5. Juli bei je 1,7. Auch dort stieg der Wert seither wieder an – das allerdings ebenfalls sehr moderat. Derzeit liegt die Inzidenz bei 5,5, was auch der Höchstwert ist. Wie sich die Inzidenz in den kommenden Wochen entwickelt, hängt auch davon ab, wie viele Kasseler ihren Zweitimpftermin wahrnehmen und wie sie trotz der geringen Zahlen auf Abstände und Maske tragen achten. Im Impfzentrum in Kassel sind jetzt auch kurzfristig Termine verfügbar.

Wie sieht es beim Blick auf Infizierte aus, die in Krankenhäusern behandelt werden müssen? Noch vor einem Monat wurden 18 Corona-Patienten in Krankenhäusern in Kassel und im Landkreis behandelt. Bis Ende Juni sank ihre Zahl auf vier. Auf diesem Niveau hat sie sich in den vergangenen zwei Wochen eingependelt. Auch am Mittwoch wurden vier Corona-Patienten in Kliniken versorgt.

Und wie haben sich die Zahlen sonst entwickelt? Einen neuen Fall hat das Gesundheitsamt am Mittwoch für Kassel gemeldet, für den Kreis waren es drei. In der Stadt sank gleichzeitig die Zahl der momentan Infizierten um 3 auf 26, im Landkreis stieg sie um 3 auf 24. Weitere Todesfälle meldete das Gesundheitsamt nicht (Kassel: 196, Landkreis; 229). (Marie Klement)

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