Kasseler Brüder verbrachten 85 Jahre in enger Gemeinschaft - Vor einem Jahr starb Sven Fehnhann

Zwilling Alf: Erinnerung tröstet

Schöne Erinnerungen: 2010 wurde ein Film über die Zwillingsbrüder Sven und Alf gedreht und anschließend im Bali-Kino gezeigt. Der „verwaiste“ Bruder Alf Fehnhann schaut sich die Bilder heute gern an. Foto: Herzog

Kassel. Alf Fehnhann lässt sich nicht gehen. Für die Journalisten, die sich angemeldet haben, hat er einen festlichen Kaffeetisch gedeckt. Das große Haus ist wie immer picobello bis in den letzten Winkel geputzt. Der 86-Jährige, der freundlich lächelnd die Türe öffnet, trägt zum gelben Hemd eine korrekt gebundene Krawatte. Auch die Etikette ist bei Fehnhanns Standard.

Eine Kerze für Sven

Bevor sich Alf Fehnhann setzt, zündet er eine Kerze an: „Zum Gedenken an Sven“, sagt er. Der Todestag seines Zwillingsbruders hat sich jetzt gejährt. In einer Anzeige, die Alf aus diesem Anlass aufgegeben hat, bezeichnet er sich als „verwaister Zwillingsbruder, der sich liebevoll erinnert“. „Der tragische Tod“ habe eine „ungewöhnliche und fantastische 85-jährige Zwillingsgemeinschaft“ beendet.

Viele Kasseler wissen das, denn Alf und Sven sind lokale Stars: stets gut gelaunt, identisch gekleidet und mit einem Reservoir an Anekdoten und Bonmots im Gepäck. Die Blicke zogen sie nicht nur beim Neujahrsempfang der Stadt und anderen Veranstaltungen an. Auch Journalisten hatten einen Narren an den liebenswerten Brüdern gefressen. Mehr als einmal waren Kamerateams bei den Fehnhanns in Kirchditmold zu Besuch.

Eine Dokumentation, die die Kasseler Filmemacherin Christine Schäfers 2010 gedreht hat, schaut sich Alf heute immer wieder an: „Das tröstet mich“, sagt er. Getröstet haben ihn auch die 96 Kondolenzschreiben, die ihn nach Svens Tod erreicht haben. Er erlebe eine große Solidarität, sagt er. Auch die Nachbarn kümmerten sich herzlich um ihn, den Alleinstehenden.

Im Schlafzimmer hat Alf eine „Gedenkecke“ eingerichtet, mit einem Foto, das seinen Bruder zeigt, umrahmt von Blumenbildern. „Wenn ich nicht auf den Friedhof gehe, wie jetzt im Winter, halte ich hier morgens inne.“ Das mache er schweigend, denn: „Antworten kann mein Bruder ja nicht mehr.“

Die Gespräche fehlen ihm am meisten, denn die im lettischen Riga geborenen Kasseler haben viel miteinander geplaudert. Ansonsten bemüht sich Alf, den Tagesrhythmus, der sich mit dem Bruder eingespielt hatte, beizubehalten. „Früher haben wir zusammen das Haus geputzt. Jetzt mache ich das alleine. Das geht langsamer, aber ich habe ja viel Zeit.“ Ansonsten habe er alles so belassen, wie es war. Sogar die zwei Autos hat er behalten. „Die fahre ich jetzt abwechselnd“, sagt der passionierte Autofahrer.

„Das Jahr war nicht einfach“, sagt Alf. Außer von der Trauer um Sven war es von einem längeren Krankenhaus-Aufenthalt geprägt. Das Herz macht ihm zu schaffen. Aber Fehnhann wäre nicht Fehnhann, hätte er in der Klinik nicht neue Freundschaften geschlossen. „Ich verkrieche mich nicht“, sagt er. „Sonst bleibt man ganz allein.“

Von Christina Hein

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