Kasseler in Ägypten erleben die Unruhen in dem arabischen Land völlig unterschiedlich

Zwischen Chaos und Idylle

Ulrich Huth

Kassel. Die Unruhen in Ägypten wirken sich massiv auf den Tourismus aus. Darin sind sich in Ägypten lebende Kasseler einig. Ansonsten erleben sie die Revolte je nach Wohnort sehr unterschiedlich.

„In Kairo herrscht Chaos“, sagt Hotelmanager Ulrich Huth. Zurzeit fahre er von seinem Haus, das vier Kilometer vom Tahrir-Platz, dem Zentrum der Unruhen, entfernt liegt, zu seinem 25 Kilometer entfernten Arbeitsplatz nahe des Flughafens früh am Morgen und sei mittags schon wieder zurück. „Man weiß nie, ob man nicht nach 13 Uhr in eine Demonstration gerät.“

Das ist ihm am Mittwoch passiert und „das war nicht so lustig“. Am Dienstag allerdings hat er mit seiner Frau und seiner Tochter an einer Kundgebung teilgenommen. „1,5 Millionen friedliche Demonstranten, das war beeindruckend.“ 250 Gegendemonstranten, Anhänger des Präsidenten Mubarak, hätten entfernt auf einem Hügel gesessen und den ganzen Tag die Nationalhymne gehört.

Dann seien, aus dem Nichts kommend, am Mittwoch weit über tausend professionell mit Bannern ausgerüstete Regierungsanhänger auf der Straße gewesen und hätten sich mit den friedlich Demonstrierenden Kämpfe geliefert. Huth: „Plötzlich war kein Polizist mehr auf der Straße zu sehen - weil das alles als Demonstranten verkleidete Polizisten waren.“

Ein Kameramann habe beobachtet, wie die Mubarak-Anhänger in eine Polizeistation gingen und mit Molotow-Cocktails wieder rauskamen. „Ich habe ihm das ohne zu zögern geglaubt.“ Anzeichen für eine Wende sieht Ulrich Huth in Kairo noch nicht. Es müsse aber bald etwas geschehen, denn die Touristik-Branche leide massiv und davon sei eine große Zulieferindustrie betroffen.

Versorgung ist gesichert

Das bestätigt auch Huths Bruder Thomas, der das Steigenberger Resort in Hurghada am Roten Meer managt. „Ich kann jetzt das erste Personal nach Hause schicken“, sagt Thomas Huth gestern am Telefon.

Ein einziger Hotelgast habe am Tag eingecheckt, ansonsten würden nur Gäste abreisen - nicht weil sie sich Sorgen machten, sondern weil ihr Urlaub zu Ende sei. Ein Lichtblick: „Da es so schön ruhig ist, fragen einige Gäste, ob sie nicht verlängern können.“ Denn nach wie vor sei die Lage in Hurghada völlig entspannt. Es habe sowohl für als auch gegen die Regierung kleinere Demonstrationen mit jeweils 20 bis 40 Beteiligten gegeben. Die seien friedlich und schnell wieder zu Ende gewesen. „Mir tun die zahlreichen Beschäftigten im und rund um das Hotelgewerbe leid, die jetzt arbeitslos werden“, sagt Huth.

„Kein Tourist muss sich Sorgen machen“, sagt auch Peter Jürgen Ely, als deutscher Honorarkonsul verantwortlich für die Badeorte am Roten Meer. Die Versorgung sei gesichert, „einschließlich Wodka und Kaviar“. Aus der Idylle müsse niemand heimgeflogen werden. Die kleinen Demos in den Touristenorten würden sich ja ohnehin nicht gegen Ausländer richten.

Dieses Signal gebe er auch mehrmals am Tag zusammen mit den Reports der Botschaften in Kairo und Alexandria an das Krisenzentrum im Auswärtigen Amt in Berlin, das die Sicherheitslage in Ägypten für Touristen bewertet. Archivfotos: nh

Mehr zur Lage in Ägypten finden Sie auf unseren Politik-Seiten.

Von Wilhelm Ditzel

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