Zeitzeugen erzählen ihre Geschichte

Zwischen Flammen und Toten: Die Bombennacht Kassels im Video

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Luftbild von Bomber zu Bomber: Zu sehen ist eine amerikanische B17, die ihre tödliche Fracht zwischen Kaufungen-Papierfabrik (rechts unten) und den Fieseler Werken ablädt.

In den vergangenen Wochen haben wir die Geschichten von vielen Zeitzeugen der Kasseler Bombennacht vom 22. Oktober 1943 erzählt. Jetzt gibt es ein außergewöhnliches Video zu diesem unglaublichen Ereignis.

Sie haben sich in nasse Decken gehüllt und sind durch das Flammenmeer gerannt, wurden als kleine Kinder von Erwachsenen über brennende Balken und zwischen einstürzenden Häusern in Sicherheit gebracht. Sie haben im Luftschutzkeller bei jedem Bombeneinschlag gezittert und am nächsten Tag die Toten am Straßenrand gesehen. 

In den vergangenen Wochen haben wir die Geschichten von vielen Zeitzeugen der Kasseler Bombennacht vom 22. Oktober 1943 erzählt. Jetzt gibt es zu diesem wohl einschneidendsten Datum der Kasseler Stadtgeschichte auch ein außergewöhnliches Video.

HNA-Onlineredakteur Andreas Berger hat aus mehreren Mitschnitten der Zeitzeugen-Interviews einen sehr emotionalen Film gemacht, in dem die Ereignisse vor 75 Jahren noch einmal lebendig werden. 

Da erzählt die 83-jährige Helga Ries, wie ihr Vater sie damals aus dem Inferno der brennenden Jordanstraße gerettet hat. Und der 90-jährige Werner Sommer berichtet mit einem tiefen Seufzer von der Flucht zum Weinbergbunker und davon, dass das Haus seiner Eltern in dieser Nacht zerstört wurde. Aber auch von der Begegnung mit seiner späteren Frau, die er im Bunker kennenlernte.

Auch Winfried Jacob erzählt in dem Film seine Geschichte von der Bombennacht. Er ist heute 92 Jahre alt, wohnt am Jungfernkopf und erinnert sich an jenen Oktobertag im Jahr 1943.

Jacob war damals als Flakhelfer im Kasseler Stadtteil Waldau eingesetzt. Am frühen Abend seien er und seine Kollegen noch der Meinung gewesen, dass an diesem Tag nichts mehr passieren würde. „Da haben einzelne schon angefangen, sich umzuziehen. Die wollten in die Koje gehen.“ Jacob sagte noch, es seien Flugzeuge in Gießen unterwegs, die würden aber Richtung Frankfurt fliegen – nicht Richtung Kassel.

Es kam anders: „Auf einmalbogen die um, und wir bekamen die Nachricht: Die Flugzeuge bewegen sich Richtung Norden. Daraufhin habe ich Alarm gegeben. Dann sind alle raus. Und so um 21 Uhr, 22 Uhr kamen die ersten Christbäume.“ So wurden die Leuchtbomben genannt. Sie waren die Ankündigung für das, was kommen sollte.

Andreas Berger

Jacob erhebt jetzt die Stimme, sagt: „Und dann – mit einem Mal – ging es los. Da rauschte es, die ersten Brandbomben flogen, Sprengbomben. Und wir sahen von Waldau aus, wie die Stadt zu brennen begann. Da haben wir gedacht: Heute ist Kassel dran, heute sind wir dran. Da haben wir geschossen, was das Rohr hergab.“ Jacob schildert auch die Gemütslage: „Wir waren nicht geschockt in dem Augenblick. Sondern wir wussten: Jetzt geht es los. Wir hatten ja genug mit uns zu tun gehabt, und wir hatten viel zu tun.“ Der Angriff dauerte annähernd eineinhalb Stunden. „Über Kassel war alles rot.“

Kassel wurde zerstört, und Winfried Jacob dachte: „Also nein, Kassel wird nie wieder aufgebaut. Wenn man heute die Bilder aus Syrien sieht, dann sage ich mir: Ja, so sah Kassel damals auch aus, unsere Heimatstadt.“

Winfried Jacob

Jacob hat in seinem Haus noch ein Bild an der Wand hängen. Er hat es selbst gemalt. Es zeigt, wie ein englischer Bomber auf Kassel zufliegt. Auch das gehört zu seiner Verarbeitung der Bombennacht. Im Film von Andreas Berger ist dieses Bild von Winfried Jacob auch zu sehen. Jacob selbst kam zu Kriegsende an die Ostfront, wo er in russische Gefangenschaft geriet. Wegen einer Krankheit wurde er 1945 wieder freigelassen. Später war Jacob als Geschäftsführer der Kasseler Farben- und Lackfabrik tätig.

Andere persönliche Geschichten von Zeitzeugen erzählen HNA-Redakteure in einer Serie zur Bombennacht, Thomas Siemon schrieb das Buch „Trümmer, Tod und Tränen“ dazu, das im Wartberg Verlag erschienen ist. 

Frank Sommer-Desmarets hat seinen Vater nie kennengelernt. Er starb in der Kasseler Bombennacht im Jahr 1943. Sein Sohn kämpft nun um die letzte Ehre seines Vaters.

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