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100 Minuten mit Sprengkraft: „Bombe!“ von Abdul Abbasi

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Von: Ute Lawrenz

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Ein echter Spaß: von links Florian Donath, Roman Majewski, Jenny Weichert und Gaia Vogel.
Ein echter Spaß: von links Florian Donath, Roman Majewski, Jenny Weichert und Gaia Vogel. © Thomas Müller

Ein schlauer, intensiver Abend: Abdul Abbasis „Bombe!“ am Deutschen Theater in Göttingen

Göttingen – Gut möglich, dass wir irgendwann auf seinem Behandlungsstuhl sitzen. Abdul Abbasi ist nicht nur der Autor eines neuen Theaterstücks in Göttingen; dort unterhält er auch eine Praxis als Zahnarzt. Eine seltsame Kombination. Dazu der Titel des Stücks: „Bombe!“ Man achte auf das Ausrufezeichen. Klingt wie eine Warnung, eine Drohung, ein Hilferuf. Genau diese Kraft zeichnet auch sein Drama aus.

Premiere war am Deutschen Theater; ein wunderbares Haus mit viel Charme aus dem Jahre 1890. Das kratzt spannend an der „Bombe!“. Das Ambiente wirkt gediegen, edel, schmeichlerisch – das Stück ist es nicht. Die Bühne (Henrike Engel) karg, wie der gewünschte Warteraum in einer deutschen Behörde. Auch das Licht wechselt selten – alles im Höchstmaß unromantisch.

Um was geht es? Es ist ein Teil der Lebensgeschichte von Abdul Abbasi selbst. Wie er aus Syrien floh und in Deutschland um Asyl nachsuchte. Nicht nur das: Er wollte einen Studienplatz ergattern, eben Zahnmedizin. Alles hat er geschafft. Aber die Hürden waren immens. Zuerst die Sprache: Ohne Kenntnisse war eine Aufnahme an einer Universität unmöglich. Dann die heillose Verstrickung in den Formular-Dschungel. Ohne Stempel und Originale gibt es keine geschmeidige Aufnahme bei deutschen Ämtern.

Ist das lustig, trägt das einen Theaterabend? Ja, denn Abdul Abbasi hat Humor. Zudem vermag er das komplette Register der alten wie neuen Medien zu bespielen. Er hat ein Buch geschrieben, er tritt bei „Extra3“ im Fernsehen auf, er unterhält einen eigenen YouTube-Kanal. Ein Multitalent. Das aber auf Teamwork setzt. So hat ihm Philipp Löhle geholfen. Der ist nicht nur ein gefeierter Theaterautor, sondern hier auch der Regisseur. Das funktioniert perfekt. Nun gut, es gibt hier und da einen Kalauer, der verzichtbar gewesen wäre. Aber insbesondere das Spiel mit dem Publikum bereitet echten Spaß. So muss sich das gut verkaufte Haus plötzlich einer Befragung über die Klippen der deutschen Sprache stellen. Wie viele Fälle kennen wir? Wie viele Zeitformen? Natürlich keine Hürde in einer Universitätsstadt mit Professoren im Publikum. Aber das lockert die Atmosphäre auf, bringt Tempo in den Abend.

Der dauert genau 100 Minuten. Getragen von nur vier Schauspielern (Gaia Vogel, Jenny Weichert, Florian Donath und Roman Majewski). Die Rollen werden fleißig gewechselt, das hat fast den Charakter einer Revue. Zum Schluss gibt es Applaus im Stehen.

Auf den Punkt gebracht: Lohnt sich der Weg in die Theaterstraße zu Göttingen? Ohne Frage: ja – das ist unterhaltsam, anregend, mitunter sogar anstrengend. Wir werden gefordert, gezwungen – zum Denken, zum persönlichen Statement. Viel Futter für Herz und Hirn.

Wieder am 4., 17., 26.11., 9. 12., Karten: Tel. 05 51/49 69-300, dt-goettingen.de

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