1100 Jahre Tod in Kassel: Ausstellung im Sepulkralmuseum

Totenbekleidung von Landgraf Wilhelm VI. Foto: mhk

Kassel. Die Festivitäten zum Kasseler Stadtjubiläum sind so gut wie beendet, aber das Museum für Sepulkralkultur in Kassel hat seinen Beitrag zur 1100-Jahr-Feier in den Herbst gelegt. Der Tod, sagt dessen Leiter Reiner Sörries, „kommt immer zuletzt“.

Kustodin Ulrike Neurath hat anhand von 70 teils verblüffenden Exponaten einen Gang durch 1100 Jahre Tod und Sterben in Kassel zusammengestellt. „1100 Jahre Tod“ ist die Schau, zu der ein umfangreiches Begleitprogramm geplant ist, denn auch betitelt - etwas uninspiriert und merkwürdig.

Die Ausstellung wirft aber, immer ausgehend von einzelnen Objekten, spannende Schlaglichter auf Krieg und Zerstörung, Krankheiten und Kriminalität, Gebräuche und deren Wandel in der Kasseler Stadtgeschichte. Ereignisse, die über eine Art Zeitstrahl an allen Wänden in die deutsche und die Weltgeschichte eingeordnet werden. Und sie sind exemplarisch erzählt. Denn die Exponate stammen zwar aus der ehemaligen Residenz- und Festungsstadt, deren Zentrum im Luftkrieg des Zweiten Weltkriegs fast dem Erdboden gleichgemacht wurde. Viele Begebenheiten wären aber auf andere Städte übertragbar - wie eben Schrecken und Leid im Bombenhagel, aber auch die Pestwellen des Mittelalters, öffentliche Hinrichtungen („Halsgerichtsbarkeit“) oder Hospital- und Hospizwesen.

Der Bogen ist weit gespannt: Da gibt es Totenbekleidung von Landgraf Wilhelm VI. aus der Gruft der Martinskirche und ein Gedenkmedaillon mit dem Haar des letzten Fürsten der Linie Hessen-Kassel, Friedrich Wilhelm, aber auch die Totenmaske des Komponisten Louis Spohr und Funde aus dem Dreißigjährigen Krieg.

Dargestellt werden auch die Geschichte des 1780 am Weinberg zu Tode gekommenen Elefanten, dessen Schädel Goethe begutachtete (ein Originalbrief des Dichters ist ausgestellt), und des auf der Wilhelmshöhe bestatteten Dackels des Kaisers, „Erdmann“. In Filmen kommen Kasseler zu Wort, die beruflich oder ehrenamtlich täglich mit dem Tod konfrontiert sind.

Manches dürften auch Kassel-Kenner nicht wissen: dass ein Einsturz des Gewölbes der Martinskirche im Jahr 1440 zahlreiche Opfer forderte, dass Tote früher an einer Cyriakus- und Magdalenenkirche bestattet wurden oder wie viele Sinnbilder der Vergänglichkeit im Bergpark zu finden sind. In einer Projektion alter Aufnahmen können die mit Todesallegorien bemalten, im Krieg zerstörten Kuppelgewölbe der im Ottoneum untergebrachten Anatomie betrachtet werden.

Die Ausstellung verschweigt nicht, dass der Tod auch aus Kassel kam und kommt. Für die Rüstung – die Firma Henschel entwickelte im Krieg den kampfstärksten Panzer „Königstiger“ – steht ein Kettenstück des „Tiger 1“, das Grauen des Holocaust wird mit „Stolpersteinen“ und Briefen der in Auschwitz umgekommenen Ärztin Lilli Jahn aus Immenhausen anschaulich.

Bis 9.2., Weinbergstr. 25-27, Di-So 10-17, Mi 10-20 Uhr. Eintritt: 6 (4) Euro. Führungen mittwochs, 18 Uhr. Tel. 0561/918930, www.sepulkralmuseum.de

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