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20 Jahre Welterbe: Warum die Stralsunder strahlen

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Stralsund vom Wasser aus – mit dem Ozeaneum (in Weiß), den Speichern am Hafen und den drei Kirchen St. Johannis (von links), St. Marien und St. Nikolai. Rechts die Schaufassade des Rathauses.
Eine der schönsten Stadtansichten in Deutschland: Stralsund vom Wasser aus – mit dem Ozeaneum (in Weiß), den Speichern am Hafen und den drei Kirchen – der schmächtigen, der mächtigen und der prächtigen, wie gern gesagt wird: St. Johannis (von links), St. Marien und St. Nikolai. Rechts daneben die Schaufassade des Rathauses. © von Busse, Mark-Christian

Zwei Hansestädte feiern in diesem Jahr 20 Jahre Anerkennung als Unesco-Welterbe: Stralsund und Weimar. Ein Streifzug.

Im Jahr 2002 haben Stralsund und Wismar den Welterbe-Titel der Unesco erhalten. Den 20. Jahrestag haben die Hansestädte das ganze Jahr über mit einem umfangreichen Programm gefeiert. Wir haben uns auf die Spuren der Auszeichnung begeben. Was bedeutet die Welterbe-Würde? Womit können die Städte punkten? Ein Streifzug.

Altstadtinsel

Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass Stralsund und Wismar den Welterbe-Status nur deshalb erhalten haben, weil sie einfach so schön erhaltene, alte Zentren haben. Bei der Unesco ist es komplizierter. Ein Kriterium für die Welterbewürde der Hansestädte ist, dass ihre Straßenzüge existieren wie zur Zeit der Gründung in den Jahren 1229 (Wismar) und 1234 (Stralsund). Ihre Grundrisse waren die Blaupause für weitere hansische Siedlungen im Ostseeraum, etwa Tallinn.

Stralsunder Touristikleiter: André Kretzschmar.
Stralsunder Touristikleiter: André Kretzschmar. © Mark-Christian von Busse

Andrè Kretzschmar, Leiter der Stralsunder Tourismuszentrale, erzählt davon beim Stadtspaziergang: „Die Stadtplanung ist nicht konfliktfrei. Sie muss der Idee des Welterbes gerecht werden. Wir müssen sehr genau hinschauen.“ Der Straßenraum darf nicht überbaut werden, statt einer Blockbebauung ist nur eine kleinteilige Struktur zulässig. Grünflächen hat es auf der Stralsunder Altstadtinsel nie gegeben. Einen Park anlegen? Unmöglich.

Der St. Nikolaikirchhof in Stralsund
Idyllisch: Der St. Nikolai-Kirchhof in Stralsund. © Mark-Christian von Busse

„Wir versuchen, das Welterbe lebendig zu halten, auch in einer niedrigschwelligen Nutzung“, sagt Kretzschmar und erzählt vom erneuerten Strandbad und dem Rathaus mit seiner grandiosen Schaufassade und Europas größtem Gewölbekeller, wo heute Weihnachtsmärkte stattfinden. Ums Rathaus herrschte immer lebendiges Markttreiben, während die Stadtoberen in der prachtvollen Ratskirche St. Nikolai tagten. Er erzählt von den durch eine barocke Haube ersetzten gotischen Spitztürmen der gigantisch großen Marienkirche, bei ihrer Erbauung das höchste Gebäude der Welt, und vom Bemühen, den Platz autofrei neu zu gestalten. Von den alten Kontorhäusern, wo die Waren in riesigen Dielen entladen wurden – die Lager in den oberen Stockwerken waren niedrig, manche Böden schräg, nicht gerade die günstigsten Voraussetzungen fürs Wohnen heute.

Der Scheelehof in Stralsund
Heute Hotel: Der sanierte Scheelehof in Stralsund. © Mark-Christian von Busse

Im Scheelehof kann man sehen, wie großartig die Sanierung eines solchen Magazingebäudes zum Hotel gelingen kann. Zur Wendezeit war die Altstadt noch „schlimm verfallen“, sagt Stralsunds oberster Touristiker, heute leben hier 6140 Menschen, die Stadt verzeichnet 600 000 Übernachtungen im Jahr.

Meeresmuseum

Stralsund war „unermesslich reich“, sagt Kretzschmar. Das mag nicht mehr ganz so sein, trotz des Hiddenseer Goldschmucks aus der Wikingerzeit, den die Stadt bewahrt. In einen anderen Schatz, das von einer Stiftung getragene Deutsche Meeresmuseum, wird gerade viel Geld investiert, 40 Millionen Euro: „Man dreht alles auf links“, sagt Kretzschmar. Energieeffizienz, Barrierefreiheit – seit einer Renovierung in den 1970ern gibt es im 1951 gegründeten Haus viel zu tun. Erhalten bleibt die Stahlkonstruktion in der ehemaligen Katharinenkirche, auch das Finnwalskelett im Chorraum, das den Besuchern ans Herz gewachsen ist. Spektakulär werde nach der Eröffnung im Sommer 2024 das den Unterwasserwelten der Karibik gewidmete Großaquarium, verspricht Almut Neumeister aus der Stabsstelle Marketing und Kommunikation.

Die Kritik an Aquarien nehme zu, räumt sie ein. Doch die Grundbedürfnisse der Tiere – Jagen, Fressen, Schlafen, Fortpflanzung – würden erfüllt. „Die Tiere leben bei uns länger als in der Natur“, sagt Neumeister, „so riesige Dorsche wie im Ozeaneum gibt es in der Natur nicht.“ Auch das Ozeaneum gehört organisatorisch zum Meeresmuseum. Besuchern fallen etwa Alterserscheinungen der Fische auf: „Aber die medizinische Versorgung ist gut. Die Mauser der Pinguine beispielsweise ist ein normaler Vorgang. Aber von Gästen bekommen wir dann besorgte Briefe.“

Das Ozeanum in Stralsund
Kühne Architektur: Das Ozeanum in Stralsund © Mark-Christian von Busse

Ozeaneum

Die kühne Architektur erinnert Gästeführer Roland Zenke an im Wind geblähte Segel oder an Steine, die im flachen Wasser liegen. Das einzigartige Museum widmet sich den kalten Meeren des Atlantiks, insbesondere dem Stralsunder Bodden selbst. Zenke, der in der Hansestadt aufgewachsen ist, zeigt Schwarzmund-Grundel und Kuckuckslippfisch, Ukelei und Plötze, Roten Knurrhahn und Ostseeschnäpel, aber auch das Tauchboot „Mantis“ aus einem James-Bond-Film. Er erzählt von den Grunzlauten der männlichen Dorsche, von literweise Wal-Sperma – und dass die Kiemen eines Riesenhais jede Stunde zwei Millionen Liter Wasser passieren.

Auf dem Dach des Ozeaneums: Gästeführer Roland Zenke.
Auf dem Dach des Ozeaneums: Gästeführer Roland Zenke. © Mark-Christian von Busse

Gern gibt der Reiseleiter und Gästeführer, während man auf der mit 34 Metern längsten freitragenden Rolltreppe Europas fährt, auch Auskunft über sich und die Stadt, in der er so gern lebt. Zenke hat eine typische DDR-Biografie, wie er sagt. Er war Forschungsleiter im Recycling, damals nannte man das „Sekundärrohstoffwirtschaft“ – es galt, „aus Scheiße Bronze zu machen –, später machte er in Versicherungen: „Ein scheiß Gewerbe.“

Das Tauchboot „Mantis“ aus einem James-Bond-Film im Ozeaneum
War in einem James-Bond-Film zu sehen: Tauchboot „Mantis“ im Ozeaneum © Mark-Christian von Busse

Zu DDR-Zeiten sei Baumaterial in die Hauptstadt Ostberlin gegangen, „für die alten Städte ist nicht viel übrig geblieben“. Stralsund habe man vergessen. Viele Häuser seien unbewohnbar gewesen. 1993/94 sei es losgegangen mit der Sanierung: „Ich bin froh, wie die Stadt sich entwickelt hat, das ist fantastisch. Und die Altstadt wird immer noch schöner.“ Die Pommer seien „ein merkwürdiges Völkchen“, aber sie stünden zunehmend hinter ihrer Stadt: „Wir können auch wirklich sehr stolz sein.“

Brauerei Störtebeker

Ob der Welterbestatus der Stadt Stralsund nutzt? „Auf jeden Fall“, sagt Elisa Raus im Gasthaus der Störtebeker Braumanufaktur: „Die Nachfrage ist dadurch gestiegen. Stralsund ist auch würdig, diesen Titel zu tragen. Und wir“, ergänzt sie, „fügen uns in die Geschichte ein.“

Seit hunderten Jahren wurde in Stralsund Bier gebraut, einst gab es 400 Braustätten („Bier brauen war Hausfrauensache“). Auch das Unternehmen Störtebeker, einst die „Stralsundische Vereinsbrauerei“, hat seine Wurzeln in der Altstadt. 1899 zog man vor die Tore der Stadt. 1991 stieg ein Investor aus dem Westen ein. Seit 2011 heißt das Bier, dank einer Kooperation mit den gleichnamigen Festspielen auf Rügen, Störtebeker wie der Pirat. Das passt: Der Name bedeutet „Stürzt den Becher“.

Bier-Sommelière: Elisa Raus (Störtebeker).
Bier-Sommelière: Elisa Raus (Störtebeker). © Privat

Elisa Raus weiß alles über die Geschichte des Bieres in Stralsund. Und über Bier überhaupt. Sie ist Bier-Sommelière. 2019 hat die Pressesprecherin und Marketingleiterin bei Störtebeker in Rimini als erste Frau die Weltmeisterschaften der Bier-Sommelières gewonnen – unter 70 Teilnehmern. Bei einer Führung und beim anschließenden Tasting von „Nordisch Hell“, „Pazifik Ale“ und „Nordik Porter“ schildert sie das Schroten, Läutern und Maischen, sie lässt an Aromen riechen, erläutert Enzyme, Stammwürze, Gärung: „Ein Bier hat bis zu sieben Malz- und fünf Hopfensorten.“

Die Marke soll regional verwurzelt bleiben, wenngleich Störtebeker mit 350 000 Hektolitern im Jahr, 20 000 Flaschen am Tag, von der Küste aus den deutschen Biermarkt aufrollt. Jedes Jahr wird zusätzlich zu den 20 Sorten eine neue Spezialität vorgestellt: „Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.“ Die deutsche Meisterschaft der Hobbybrauer wurde in Stralsund auch schon ausgerichtet. Sommelière Raus ist überzeugt: „Selbst für jemanden, der kein Bier mag, gibt es irgendwo auf der Welt eines, das ihm schmecken wird.“

Maritime Geschichte

Vieles gebe es noch über Stralsund zu berichten. Vom Bismarckhering beispielsweise, den die Fischkonservenfabrik Johann Wiechmann 1871 erfunden hat und der noch heute nach dem Originalrezept erhältlich ist. Oder von der ersten Gorch Fock: 1945 hatten die Nazis das Segelschulschiff im Strelasund versenkt, es ging als Reparationsleistung an die Sowjetunion, segelte später von Cherson aus unter ukrainischer Flagge, bis es im Westen instandgesetzt werden konnte. Nun liegt die Gorch Fock als Attraktion am gerade erneuerten Kai im historischen Hafen, wo auch die Schiffe nach Hiddensee starten. Oder die Insel Dänholm mit ihren Museen: Wiege der preußischen Marine, später Sitz der Volks-, dann kurzzeitig der Bundeswehr.

Selbst die berühmten Spielkarten haben ihren Sitz ursprünglich in der Hansestadt: Die Marke ASS Altenburger aus Thüringen steht für „Altenburger und Stralsunder Spielkartenfabrik“. Aber wir machen noch einen Abstecher nach Wismar.

Der Wismarer Marktplatz: Blick auf die Wasserkunst.
Der Wismarer Marktplatz: Blick auf die Wasserkunst. © Mark-Christian von Busse

Wismar

In Wismar wartet Ingolf Holst, nur knapp älter als der Welterbestatus, frisch gebackener Gästeführer und ein riesiger Fan seiner Stadt. Er hat beim Gang vom Erlebnisbad Wonnemar auf dem Welterbepfad alle Zahlen parat: 3,2 Kilometer Altstadtumfang, 8000 Bewohner, 1755 Gebäude im Welterbegebiet, von den 311 denkmalgeschützten Häusern sind 237 saniert. 72 mal 300 Meter misst die größte Halle der Werft. 15 Prozent des Tourismus speist sich heute aus der Krimireihe „Soko Wismar“.

Magischer Blick in Wismar: An dieser Stelle des Welterbepfads sieht es so aus, als bildeten der Turm von St. Marien und St. Georgen eine einzige Kirche.
Magischer Blick in Wismar: An dieser Stelle des Welterbepfads sieht es so aus, als bildeten der Turm von St. Nikolai und St. Georgen eine einzige Kirche. © Mark-Christian von Busse

Auch der 20-Jährige weiß alles über die Parzellenstruktur, die die Welterbe-Auszeichnung begründet, über die Speicher und den Handel, der die Hansestadt „steinreich“ hat werden lassen, den Exportschlager Bier („Wismarer Mumme“), über die 125 Jahre „Schwedenzeit“, das Stammhaus von Kaufhausgründer Rudolf Karstadt und die wieder aufgebaute Georgenkirche. Dieses Vorzeigeprojekt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz lohnt allein schon den Besuch in der Stadt – auch für die Vertreter aller übrigen deutschen Unesco-Welterbestätten: Sie werden im Mai 2023 zu ihrer Jahrestagung nach Wismar kommen.

Auf dem Wismarer Welterbepfad: Gästeführer Ingolf Holst.
Auf dem Wismarer Welterbepfad: Gästeführer Ingolf Holst. © Mark-Christian von Busse

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