Unterhaltung durch Schlager

In der Bar zum Krokodil: 20er-Jahre-Revue feierte Premiere im Tic

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In der Bar zum Krokodil: Katja Brauneis und Michael Fajgel sowie in der Damenkapelle Maria Weber-Krüger (Violine) und Sina Giessler am Bass. 

Kassel. „In der Bar zum Krokodil" - so heißt die neue Revue im Kasseler Theater im Centrum, die den 20er-Jahren gewidmet ist.

In der verrauchten Berliner „Bar zum Krokodil“ hält sich der Trubel durchaus in Grenzen. Anwesende sind: der Geschäftsführer und Barkeeper August Becherowsky (Michael Fajgel), seine eifersüchtige Freundin Clara Jablonski (famos: Katja Brauneis), ein so einsamer wie trüber Senior aus dem Sauerland namens Wilhelm Wanske (Herwig Lucas) sowie die leicht nervöse Milka Schimanski, die sich durchs Nachtleben treiben lässt und in der Bar hängen bleibt (quirlig: Tanja Krauth). Und dann sind da noch „Die Triolen“, ein junges Damentrio, das etwas erhöht im Hintergrund über den profanen Dingen schwebt und von zwei Plastikpalmen gerahmt wird: Yevgeniya Schott (Klavier), Maria Weber-Krüger (Geige) und Sina Giessler (Bass).

Den „goldenen“, wahlweise „wilden“ 1920er-Jahren ist das neue Stück des Theaters im Centrum (Tic) gewidmet, das vorgestern Premiere feierte (Regie: Michael Fajgel). Es geht um die kurze Zeit von 1924 bis zum Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929. Bei den „goldenen“ Zwanzigern denkt man eher nicht an Nazi-Horden, Arbeitslose oder Kriegsversehrte. Vergoldet war diese Zeit aber nur für wenige. Es war der Versuch eines Neuanfangs nach dem verheerenden Krieg. Die Menschen lechzten nach Vergnügen und Ablenkung. Frauen gewannen mehr Selbstbewusstsein, das kulturelle Leben erblühte, Film und Rundfunk wurden Massenmedien. Musik, Tanz und Mode prägten den Lebensstil der Zeit.

In einer Revue wie dieser kann es nicht um die Komplexität jener kurzen Epoche gehen. Das Ganze wird locker assoziativ so zusammengehalten, dass der nächste Gassenhauer irgendwie aus der etwas einfältigen Handlung hervorgeht. Es geht um Unterhaltung durch Schlager. Deshalb sind sie die Stars des Abends und werden glanzvoll in Szene gesetzt. Mit ihrem Witz und ihrer Schlagfertigkeit sind die Couplets der Comedian Harmonists, Ralf Benatzkys oder Friedrich Hollaenders sehr genaue Seismografen der Epoche und dem heutigen Einheitsbrei von Helene Fischer und Andrea Berg ohnehin haushoch überlegen. Handfeste Themen kommen da zur Sprache: Kriminalität, Ängste, Ahnungen, Armut, Sehnsüchte, Sex oder, man staune, Kleptomanie. Natürlich, wer nichts hat, muss klauen gehen! Und wer dichtet heute schon eine Zeile wie diese: „Glotz doch nicht zum Tango-Geiger hin. Was ist schon dran an Argentinien?“ Viel Applaus für das Ensemble und „Die Triolen“. Zwei Zugaben.

Wieder am 10., 11., 20., 27.11., www.theaterimcentrum.de

Von Andreas Gebhardt

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