Geliebte von Paul Celan äußert sich literarisch

81-Jährige bricht ihr Schweigen

Was ist eine Künstlerbiografie? Sind es die amtlichen Daten und das, was als Werk bekannt ist? Machen sie einen Künstler aus, oder sind andere Erlebnisse viel bedeutender für ein Lebenswerk, möglicherweise geheime? Von Paul Celan, dem Dichter und Verfasser der „Todesfuge“, ist bekannt, dass er ein leidenschaftlich Liebender war. Seine Ehe mit der schönen Französin Gisèle Lestrange, mit der er einen Sohn hat, ist von einem romanreifen Mythos umgeben. Legendär ist auch die literarische Beziehung zur Kollegin Ingeborg Bachmann.

Dass der 1920 in Rumänien geborene und durch einen Freitod ums Leben gekommene Celan jedoch über viele Jahre eine junge Geliebte hatte, die für ihn als Refugium der deutschen Sprache in Paris weit mehr bedeutete, als nur körperliches Begehren, wäre um ein Haar nie bekannt geworden. Weil die Briefe des einstigen österreichischen Au-Pair-Mädchens und der später erfolgreichen Anthropologin Brigitta Eisenreich jetzt im Nachlass Celans im Literaturarchiv Marbach aufgetaucht sind, hat die heute 81-Jährige beschlossen, ihr Schweigen zu brechen und ihre Existenz öffentlich zu machen. Herausgekommen ist ein eindrucksvolles Buch, das die Autorin schlicht Bericht nennt. Bemerkenswert sachlich schildert Eisenreich darin ihre fast zehnjährige Beziehung zu Celan, die der Dichter lange Zeit perfekt geheim hielt.

Die Rolle der Geliebten, der Frau im Hintergrund, hatte Brigitta keineswegs leidend, sondern bewusst und bei klarem Verstand gespielt. Analytisch schreibt sie: „Freilich war Celans Verhältnis zu mir das einfachste und unbeschwerteste unter allen seinen Bindungen.“ Ihre eigenen Emotionen verkneift sie sich auch mit der Distanz von Jahrzehnten noch. Ihre Aufzeichnungen adelt sie damit zu einem bedeutenden Beitrag der deutschsprachigen Literaturgeschichte. Es sind viel mehr als nur ein paar Mosaiksteinchen im Leben eines vielschichtigen und scheinbar noch immer unbekannten Künstlers.

Brigitta Eisenreich: Celans Kreidestern. Suhrkamp, 266 S., 22,80 Euro. Wertung: !!!!:

Von Christina Hein

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