Das HR-Sinfonieorchester spielte bei den Kasseler Musiktagen Strawinsky und Pärt

Ein Abend der Kontraste

Solist und Dirigent: Alexander Toradze (links) und Kristjan Järvi. Foto: Herzog

Kassel. Wie hätten sich die beiden Komponisten Igor Strawinsky (1882-1971) und Arvo Pärt (geb. 1935) wohl verstanden, wie wäre eine persönliche Begegnung verlaufen? Gegensätzlicher könnten musikalische Temperamente jedenfalls kaum sein. Das wurde den 480 Zuhörern beim Kasseler-Musiktage-Konzert des HR-Sinfonieorchesters im Kasseler Opernhaus auf eindrucksvolle Weise vorgeführt.

Vielleicht hätten Strawinssky und Pärt über ihren Umgang mit der Tradition gesprochen. Denn obwohl beide musikalische Neuerer sind, greifen sie auf unterschiedliche Weise auf Altes zurück.

Wunderbar zu erleben bei Strawinskys Klavierkonzert, das für die außergewöhnliche Orchesterbesetzung aus Bläsern und Kontrabässen komponiert ist. Wie eine barocke Ouvertüre kommt die langsame Einleitung daher, um dann in einen Satz von mitreißender Motorik zu münden, bei dem der Pianist sich ein wild akzentuiertes Rennen mit dem Orchester liefert. Es hätte für den Klavierpart wohl keinen besseren Solisten als den in den USA lehrenden Georgier Alexander Toradze geben können.

Fast berserkerhaft jagte Toradze mit technischer Bravour und rhythmischer Energie durch dieses Stück, bei dem ihm zumindest anfangs das HR-Orchester mit dem Dirigenten Kristjan Järvi nicht immer punktgenau folgen konnte.

Formal bezieht sich Strawinsky oft auf historische Formen. So ist im zweiten Klavierkonzert „Capriccio“ die Orchesterbesetzung wie beim barocken Concerto grosso in Sologruppe und Tutti geteilt. Doch in ihrer Lebendigkeit lässt die Musik beispielsweise die Tonalität hinter sich und scheut Elemente des Jazz nicht. Ein Glanzstück war der zweite „Capriccio“-Satz, von Toradze auf suggestive Weise dargeboten.

Von archaischer Schönheit in satt-harmonischen Klängen und formal von fast mönchischer Strenge kommt die Musik von Arvo Pärt daher. Sie entfaltet eine außergewöhnliche Wirkung, wenn sie klanglich so perfekt und voll innerer Spannung dargeboten wird, wie von Kristjan Järvi und dem ausgezeichneten HR-Sinfonieorchester mit seinen formidablen Streichern.

Eine riesenhafte Steigerung bis über die hohen zu den tiefen Instrumentengruppen bis zur finalen Katastrophe macht den ersten Teil des halbstündigen Stücks „Tabula rasa“ aus, dem die Violinsolisten Mikhail Simonyian und Andrea Kim mit faszinierender klanglicher Intensität die Krone aufsetzten. Kaum zu ertragen schien dann der Spannungsbogen des allmählich verebbenden zweiten Teils „Silentium“. Erst nach einem Moment des Innehaltens löste sich die Spannung in heftigem Beifall.

Kasseler Musiktage heute: 18 Uhr Kulturbahnhof, Südflügel: Terra Deserta (Musik nach einem Roman von Ransmayr). Sonntag: dreiteiliges Konzert ab 16 Uhr, Kulturbahnhof Südflügel: Neue Liederzyklen (u.a. mit Marisol Montalvo) und Klaviermusik von Schumann (Markus Bellheim.

Von Werner Fritsch

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.