Eine große Überblicksschau zum Realismus in der Kunsthalle Emden

Abenteuer Wirklichkeit

Wattebauschwölkchen am Himmel: Heiner Altmeppen entrückt seine „Norddeutsche Landschaft“ ins Fantastische. Fotos:  Kunsthalle Emden/nh

Emden. Dem als „Realismus“ etikettierten künstlerischen Blick auf die Wirklichkeit ist in der Kunsthalle Emden erstmals eine große Schau gewidmet. 100 Künstler warten dort mit 170 Werken vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart auf. Kunsthallendirektor Nils Ohlsen erklärt: „Die Ausstellung zeigt Objektivität als Paradox; die realistische Kunst bewegt sich zwischen der Hoffnung, Wirklichkeit zu verstehen, und dem Zweifel, sie einfangen zu können.“

Nach Auffassung der Wahrnehmungs- und Hirnforschung ist Wirklichkeit für den Menschen tatsächlich nicht objektiv erkennbar. Die sich ihr widmenden Künstler vermitteln uns also nichts anderes als ihre Sicht der Welt. Gustave Courbet hat das in seinem 1855 verfassten Manifest des Realismus so ausgedrückt: „Das Gesicht meiner Epoche nach meinem Dafürhalten zu übertragen, nicht nur ein Maler, sondern auch ein Mensch zu sein (...) das ist mein Ziel.“

Courbet ist mit dem Gemälde „Wellen mit drei Segelbooten“ (um 1870) vertreten. Dunkle Wogen rollen direkt auf uns zu. „Im Szenario der Urgewalten relativiert sich die Bedeutung des Menschen“, kommentiert Laura Ingianni im Katalog: Unter den schwer lastenden, düster dräuenden Wolken sind in der Ferne drei verschwindend kleine Segelboote auszumachen.

Malerische Fleißarbeit

Ins farbenfroh Fantastische entrückt hingegen Heiner Altmeppen die Welt. Seine „Norddeutsche Landschaft“ (1980/81) zeigt Wattebauschwölkchen am strahlend blauen Himmel. Eine weite, flache Graslandschaft erstreckt sich zum Horizont, an dem Wohn- und Industriebauten aufsteigen. In dieser eindrucksvoll detailverliebten malerischen Fleißarbeit ist der Mensch nur indirekt gegenwärtig: als Schöpfer einer Kulturlandschaft.

Die Schau wartet mit packenden Landschaftsbildern auf bis hin zu Andreas Gurskys am Computer bearbeitetem Großfoto „Dubai World III“ (2008). Es zeigt aus großer Höhe den Blick auf eine aufgeschüttete künstliche Inselwelt, die wie ein abstraktes Bild aus weißen Flecken auf blauem Grund aussieht.

Sam Taylor-Woods demonstriert im Film „Still Life“ (2001) Vergänglichkeit im Zeitraffer: Was eben leckeres Obst war, ist nach drei Minuten und 44 Sekunden ein von Insekten besuchter, zusammengefallener Haufen Schimmel.

Die Hauptrolle aber spielt der facettenreiche Blick auf den Menschen. Repräsentativ und würdevoll fällt er in Anton von Werners Gedächtnisbild „Kaiser Friedrich als Kronprinz auf dem Hofball 1878“ (1895) aus. Sinnbild der Einsamkeit hingegen ist Edward Hoppers Gemälde „Hotel Lobby“ (1943): drei Menschen in einem Raum, die doch allein sind. Andere Menschenbilder wirken richtig erschütternd, etwa die Szene aus Abu Ghraib. Ein in den Medien verbreitetes Foto von Folter, das einen vermummten, an Elektroden angeschlossenen Häftling zeigt, hat Marc Quinn zu einer lebensgroßen Figur aus patinierter Bronze angeregt.

Aber auch die vergnügliche Augentäuschung ist ein Paradefeld des Realismus. Attraktivstes Beispiel ist John de Andreas Bronzeskulptur „Amber liegend“ (2006). Dank Bemalung wirkt die nackte junge Dame so verblüffend lebensecht, dass man eine Gänsehaut bekommt.

Bis 24. Mai. Infos: Tel. 04921-975050, www.kunsthalle-emden.de. Weitere Station ist von Juni bis September die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München. Der Katalog (Hirmer Verlag) kostet in der Ausstellung 25 Euro.

Von Veit-Mario Thiede

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