Facettenreich: „Fausts Verdammnis“ in der Oper Frankfurt

Abgerissener Gelehrter

Matthew Polenzani als Faust und Simon Bailey (Mephisto). Foto:  nh

Frankfurt. Für die Oper Frankfurt hat Regieroutinier Harry Kupfer eine Camp-Version des Fauststoffes von Hector Berlioz eingerichtet, die mit groteskem Personal, obszönen Bildern und derbem Spott die zynischen Elemente der Berlioz-Oper betont.

Spielen lässt Kupfer „La damnation de Faust“ in einem verblichenen Theatersaal auf dessen hohen Galerien nicht nur Platz ist für den allgegenwärtigen Chor, beide Flügel der Kulisse dienen auch als Projektionsfläche für Videoeinspielungen (Peer Engelbracht / impulskontrolle), die den Höllenritt des reuigen Faust mit feurigen Bildern begleiten. Zwischen den Szenen erinnert ein üppiger Bühnenprospekt an die Faust-Vision von Hieronymus Bosch.

Einen des Lebens überdrüssigen Doctor Faustus stellt uns Kupfer vor: Abgerissen und graubärtig, in einen speckigen Mantel gehüllt, steht der auf der Bühne und hebt den Giftkelch. Musik hält ihn auf und zwei Kinder, die mit einem kleinen Stofflamm im Arm zu den Klängen des Osterhymnus erscheinen - vor starken Bildern ist Kupfer nicht bange.

Das Gretchen, das ihm Mephisto zeigt, wohnt buchstäblich in einer Puppenstube in einem putzigen Miniaturdorf. Dass auch diese Welt ihre Abgründe hat, das wird mehr als nur angedeutet. Der (klein-)bürgerlichen Welt halten Berlioz und Kupfer ebenso den Spiegel vor, wie zuvor dem Militär und der Burschenschaft. Die verhängnisvolle Liaison endet für Gretchen auf dem Richtblock, für Faust endet der Pakt mit dem Teufel mit der Höllenfahrt. Aber die Oper kennt noch einen Nachsatz: Einsam betritt der alte Faust die Bühne, schlüpft aus seiner Verkleidung und zaubert hinter einem Wandschirm ein Grammofon hervor: der ganze Weltenspuk - alles nur Theater?

Hans Schavernoch (Bühnenbild) und Yan Tax (Kostüme) haben Kupfer für seine fünfte Berlioz-Interpretation eine prächtige Ausstattung geliefert, die bei aller Opulenz auch Räume öffnet. Routiniert und mit zunehmender Spieldauer immer funkelnder begleitet das Museumsorchester unter der Leitung von Julia Jones das diabolische Spiel mit einer in vielen Facetten changierenden Musik, die in ihren besten Momenten von der Moderne kündet.

Matthew Polenzani ist ein stimmiger Faust, dessen Tenor zuweilen ein wenig flackert, Alice Coote (alternierend: Katherine Rohrer) überzeugt als Gretchen und mit einem wunderbar innigen „König von Thule“. Den Mephisto gibt Simon Bailey souverän, derb und mit Spaß an seiner düsteren Rolle, in allen Szenen präsent ist der agile Chor, mal ungestüm jubelnd, dann wieder mit zischender Bösartigkeit.

Wieder am 17., 21., 24. und 27. Juni, 2. und 4. Juli. Karten: Tel. 069 /13 40 400, www.oper-frankfurt.de

Von Gerd Döring

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