Jubel für Goethes „Torquato Tasso“ am Deutschen Theater in Göttingen

Abhängig oder frei sein

Es duftet nach Italien: Gerrit Neuhaus als Dichter Torquato Tasso inmitten von Apfelsinen auf dem Bühnenboden. Foto:  Thomas Müller

Göttingen. Italien riecht im Deutschen Theater in Göttingen nach Orangen, und der Duft der zahlreichen Apfelsinen auf dem Bühnenboden erweckt zusammen mit der rauchigen Stimme von Paolo Conte das sinnlich süße Leben am Fürstenhof von Alfons II. in Ferrara. Zur Premiere von Johann Wolfgang von Goethes „Torquato Tasso“ gab es am Samstag langen Applaus und Bravorufe nach 90 Minuten mitreißendem und hervorragend inszeniertem Spiel.

Der Herzog (souverän Florian Eppinger) ist in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auf dem Zenit seiner Herrschaft. Da gehört es zum guten höfischen Ton, sich mit einem Künstler zu schmücken. In diesem (authentischen) Falle mit dem des Dichters Torquato Tasso. Ein Abkommen auf Gegenseitigkeit. Denn das höfische Dichteramt sichert dem jungen Mann die Lebensgrundlage. Das war damals nicht anders als zu Goethes Zeiten und auch nicht anders als heute, nur jetzt nennt man es Sponsoring.

Für Tasso (mit großer Leidenschaft und beeindruckend dargestellt durch Gerrit Neuhaus) besteht diese Lebensgrundlage jedoch nicht nur aus einer materiellen Absicherung, sondern viel mehr noch in der Freiheit, seiner Dichtkunst nachgehen zu können. Das eine scheint es ohne das andere nicht zu geben, auch wenn dies einen Widerspruch in sich bedeutet. Tasso hat den Anspruch an seine eigene, nicht nur auf seine künstlerische, sondern auf sein ganzes Leben bezogene Freiheit, und er weiß gleichzeitig um die Abhängigkeit vom Herzog. Dieser Zwiespalt treibt diesen bis in die Haarspitzen sensiblen Mann in den Wahnsinn.

In seiner wortwörtlichen Verrücktheit die Standesgrenzen nicht wahrnehmend („Erlaubt ist, was gefällt“) verliebt sich Tasso in Leonore von Este, die Schwester des Herzogs. Diese (zart und zerbrechlich: Marie-Kristien Heger) erwidert seine Gefühle durchaus, verweist den sie Bedrängenden jedoch auf seinen Platz („Erlaubt ist, was sich ziemt.“). Und dieser Platz liegt außerhalb des höfischen Kreises.

Vom Herzog gewünschte Versuche, Tasso zu bändigen, arten in Intrigen aus. Staatssekretär Antonio Montecatino (aalglatt und in seinen Emotionen immer wieder gebremst: Gerd Zinck) ist viel zu eifersüchtig, als dass er die angeordneten Freundlichkeiten Tasso gegenüber ernsthaft betreibt. Auch die schöne Leonore von Sanvitale (lebendig und sehr sexy: Nadine Nollau) möchte Tasso für eigene Zwecke benutzen. Sie wünscht sich ihn als Elixir gegen ihr langweiliges Dasein. Als Tasso schließlich erkennen muss, dass ihm nicht einmal sein Dichtgut gehört, versucht er, vom Fürstenhof zu fliehen.

Die gelungene Inszenierung von Nina Pichler und das in seiner Zurückhaltung fantastische Bühnenbild von Julia Bührle-Nowikowa (Orangen, azurblauer Himmel, ein Klappstuhl, ein Fahrrad und die beiden Dichterfürsten Goethe und Schiller als stumme Beobachter an den Seiten, sonst nichts) haben auf außerordentliche Weise der individuellen Emotionalität jeder Rolle und ihrer Verkörperung durch die hervorragend agierenden Schauspieler sehr viel Raum gegeben und alles zu einem wunderbaren Ganzen gefügt.

Weitere Aufführungen am 10., 18. und 29. November. Karten: 0551-496911.

Von Carmen Barann

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