Die New Yorker Band Interpol glänzt auf ihrem vielleicht letzten Album mit Wehmut

Abschied einer Supergruppe

Genauso klingt ihre Musik nicht: Der gut gelaunte Interpol-Sänger Paul Banks (Mitte) mit Gitarrist Daniel Kessler (links) und Schlagzeuger Sam Fogarino. Foto: Cooperative

Irgendwie passt es, dass die meisten Menschen die New Yorker Band Interpol durch die Totengräber-Serie „Six Feet Under“ kennengelernt haben. In der US-Fernsehreihe liefen gleich mehrere Lieder des Quartetts als Hintergrundmusik. Seitdem galten die Musiker um den Sänger und Gitarristen Paul Banks als Meister der Schwermut.

Nun ist gerade das selbstbetitelte vierte Album erschienen, das die Band noch einmal auf der Höhe ihres Könnens zeigt, eine große Tournee steht an - und doch erscheinen überall bereits Nachrufe auf die Band.

Tatsächlich sind Interpol nicht mehr die Interpol, die sie einmal waren. Im Frühjahr verließ Carlos Dengler die Band, der mit seinem stoischen Bassspiel den New-Wave-Sound und die tanzbare Melancholie entscheidend geprägt hatte. Weil er Dandy-Klamotten und um die Augen Kajalringe trug, galt der vermeintliche Kopf der Band auch als Vorzeigegesicht.

Warum es zur Trennung kam, ist weitgehend unbekannt. Wie viel Einfluss Dengler hatte, kann man in den zehn neuen Songs gut hören - er verabschiedete sich erst nach den Aufnahmen. Düster-romantische Lieder wie „Memory Serves“ sind der perfekte Abschieds-Soundtrack, weil ihnen jeglicher Kitsch fremd ist. Von Minute zu Minute entwickeln sie mehr Dynamik. Dazu singt Banks mit seinem kalten Bariton über die Schattenseiten des Erfolgs.

Den hatten Interpol bereits mit dem zweiten Album „Antics“, das vor sechs Jahren erschien. Das Magazin „Spex“ wählte es zum wichtigsten Album des Jahres 2004. Die Literatur- und Philosophiestudenten, die sich an der Uni kennengelernt hatten, wurden zum Vorbild für zahlreiche andere Bands, die wie Interpol den düsteren Gitarrenrock der 70er-Jahren-Helden Joy Division für das 21. Jahrhundert modernisierten. So schafften auch Indie-Bands wie die Editors und The National den Sprung vom Geheimtipp in die Charts.

Interpol wurden gar als nächste Supergruppe des 21. Jahrhunderts gehandelt. Tatsächlich schafften sie es ins Vorprogramm von U2, ein Hauptact in den riesigen Stadien werden sie wohl aber nicht mehr. Für die anstehende Tour hat die Band gleich zwei Musiker verpflichtet, die Dengler ersetzen sollen. Ob jemals ein fünftes Interpol-Album erscheinen wird, darf bezweifelt werden.

Sänger Banks hat unter dem Pseudonym Julian Plenti bereits ein überzeugendes Solo-Album herausgebracht. Und mit seiner Freundin, dem ehemaligen Supermodel Helena Christensen, ist er inzwischen auch in den Klatschspalten zu Hause. Die Dänin betreibt mittlerweile einen Antiquitätenladen in New York. Vielleicht werden dort bald Höchstpreise für Alben der Ex-Band Interpol bezahlt.

Interpol: Interpol (Cooperative Music/Universal).

Wertung: !!!!:

Von Matthias Lohr

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