Spontan, emotional, virtuos: Fünf junge Pianisten zeigen, wo heute die Klavierkunst angekommen ist

Abschied vom Hohepriestertum

Bereits mit 24 Jahren ein rundum perfekter Pianist: Rafal Blechacz, der die beiden Chopin-Konzerte eingespielt hat. Foto: Universal/nh

Früher war alles besser. Wirklich? Zumindest kursiert diese Meinung unter vielen Klassikfans, wenn es um die Kunst des Klavierspiels geht. Genervt verwahrte sich kürzlich Martin Stadtfeld (29) gegen ständige Vergleiche mit älteren Stars wie Martha Argerich und Maurizio Pollini oder gar mit längst gestorbenen Klavierheroen wie Svjatoslaw Richter und Wilhelm Kempff.

Zu Recht. Denn die jungen Pianisten spielen anders als die früherer Generationen. Bei allen individuellen Unterschieden: Gemeinsam ist ihnen ein freieres, emotional gelösteres Spiel - das Hohepriestertum der Musik ist ihnen fremd.

Allerdings gibt es auch keinen linearen Fortschritt: Zwar klingen die Aufnahmen junger Pianisten oft frischer und unmittelbarer als die ihrer Vorgänger. Aber spieltechnisch sind längst nicht alle den legendären Pianostars wie Martha Argerich oder Emil Gilels gewachsen.

Drei junge chinesische Pianisten haben zuletzt Aufsehen erregt: Lang Lang, Yundi Li und Yuja Wang stehen für das fernöstliche Klavierwunder. Doch daneben profiliert sich eine Generation junger Klavierkünstler aus Europa. Wir stellen fünf herausragende junge Künstler vor, die gerade mit interessanten Alben auf dem Markt sind.

MARTIN STADTFELD

Ein Tastenlöwe ist Martin Stadtfeld nicht. Mit Bach- und Schubert-Aufnahmen hat sich Deutschlands junger Klavierstar bisher profiliert. Jetzt hat er sich den jungen Beethoven vorgenommen. Neben einigen Ausgrabungen aus der Zeit vor 1800 wie dem Präludium f-Moll und weiteren Stücken ohne Opuszahl hat der 29-Jährige mit der Staatskapelle Dresden und Sebastian Weigle Beethovens zweites Klavierkonzert eingespielt. Auch hier ist Stadtfelds Fähigkeit, den Stücken einen indivduellen, klanglich edlen Dreh zu geben, zu spüren. Allerdings sind die Tempi mehr als behäbig. Stadtfeld entschädigt die Hörer jedoch mit einem umwerfend virtuos und plastisch gespielten Capriccio „Die Wuth über den verlorenen Groschen“.

Martin Stadtfeld: Der junge Beethoven. Sony Classical, Wertung: !!!!:

RAFAL BLECHACZ

Als erster Pole seit Krystian Zimerman 1975 hat Rafal Blechacz (24) vor vier Jahren den Warschauer Chopin-Wettbewerb gewonnen. Und er hat das Zeug zum Klavier-Superstar. Seine dritte CD ist den beiden Klavierkonzerten Chopins gewidmet - der in einem ähnlichen Alter war, als er die Virtuosenkonzerte komponierte. Blechacz hat alles drauf, was diese Musik auszeichnet. Sein klanglich äußerst feines, technisch glasklares Spiel ist derart transparent in den rhythmisch sich überlagernden Schichten, dass es wie eine 3-D-Aufnahme im Umfeld zweidimensionaler Filme wirkt. Perfekt begleitet vom Amsterdamer Royal Concertgebouw Orchestra und Jerzy Semkow, hat sich Blechacz mit seiner agogisch wunderbar frei gestalteten Interpretation in den pianistischen Olymp katapultiert.

Rafal Blechacz: Chopin. The Piano Concertos. Deutsche Grammophon. Wertung: !!!!!

MIHAELA URSULEASA

Ein neuer Stern am Klavierhimmel kommt aus Rumänien. Wenn es einen Preis für das spontanste, emotionalste Klavierspiel gäbe, dann hätte ihn die 31-jährige Mihaela Ursuleasa verdient. Explosiv und impulsiv spielt sie auf ihrem Debütalbum Beethovens c-moll-Variationen, ihre Brahms-Intermezzi op. 117 sind hinreißend empfunden, und die drei Sätze von Ravels „Gaspard de la nuit“ sind voll finsterer Farben und Abgründe: Für den Finalsatz „Scarbo“ braucht sie zwei Minuten länger als Martha Argerich.

Mihaela Ursuleasa: Piano & Forte. Edel Classics. Wertung: !!!!:

NIKOLAI TOKAREV

Zwei der beliebtesten Werke für Klavier vereint Nikolai Tokarev (26) auf seinem Album: Das zweite Chopin-Konzert und das Klavierkonzert von Edvard Grieg, begleitet vom Luzerner Sinfonieorchester mit Olari Elts. Tokarev ist ein fantastischer Techniker in bester russischer Tradition. Allerdings scheint es manchmal, als wüsste er nicht wohin mit seiner Kraft. Die Transparenz und Intuition eines Blechacz fehlen ihm (noch), aber sein perfektes Spiel kann faszinieren.

Nikolai Tokarev: Romantische Klavierkonzerte, Sony Classics, Wertung: !!!::

DINA UGORSKAJA

Zur absoluten Piano-Spitze zählt die Wahl-Münchenerin Dina Ugorskaja (36) nicht. Aber ihre CD mit Händels Klaviersuiten ist so originell und musikalisch lebendig, dass sie hier erwähnt werden soll.

Dina Ugorskaja: G. F. Händel. Suites für Piano, Avi-Music, BR-Klassik. Wertung: !!!!:

Von Werner Fritsch

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