Abschied von Kassels „Anne Frank“:

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Geht aus Kassel weg: Schauspielerin Sabrina Ceesay.

Kassel. Am bekanntesten wurde sie als Anne Frank. Schauspielerin Sabrina Ceesay schlüpft seit vier Jahren und nunmehr 70 Aufführungen in die Rolle des jüdischen Mädchens, das während des Zweiten Weltkriegs im Versteck in Amsterdam Tagebuch schreibt und damit eins der berühmtesten Zeugnisse von einem Leben auf der Flucht vor einem mörderischen Regime und dessen Handlangern erstellt hat. „Wir hätten bei der Premiere nie gedacht, wie aktuell das Stück wieder wird“, sagt die 28-jährige Schauspielerin mit Blick auf Flüchtlingskrise und zunehmende Fremdenfeindlichkeit, „das will man gar nicht.“

Zum Jahreswechsel verlässt Sabrina Ceesay das Ensemble des Kasseler Staatstheaters nach vier Jahren, um erstmal frei zu arbeiten. Sie freut sich über die vielen Rückmeldungen, Briefe, Gespräche, die sie für ihre Anne, aber auch für andere Rollen wie die Staatsanwältin in „Terror“, bekommt. Und ist voll des Lobes für das Kasseler Publikum, das so offen sei für neue Theaterformen – zuletzt etwa das deutsch-afrikanische Performanceprojekt „Maji Maji Flava“, bei dem die freie Theatergruppe Flinn Works mit dem Staatstheater kooperiert hat.

Nie hat sie aus dem Publikum irgendeine Reaktion auf ihre Hautfarbe bekommen: „Das war einfach kein Thema.“ Wenn Theatermacher oder -kritiker hingegen herausstellen, dass eine farbige Darstellerin im Ensemble ist, ärgert das Sabrina Ceesay. Auch wenn damit gerade eine Offenheit des Hauses oder eine vermeintliche Selbstverständlichkeit betont werden soll. Denn die verschwinde dann.

„Theater ist die Kunst, die von der Behauptung lebt“, sagt sie. Auf der Bühne könne jeder alles sein, bei „Romeo und Julia“ würde auch niemand verlangen, dass da nur Italiener spielen. Jegliche Kategorisierung behindere die Kunst – „deshalb lehne ich sie vollkommen ab.“ In einer Rezension zum Stück „Tyrannis“ wurde etwa kritisiert, dass ausgerechnet die farbige Darstellerin eine Nacktszene hatte – „warum gerade ich nicht?“

Ceesay findet es frappierend, dass in Theaterensembles in Deutschland so wenige farbige Darsteller oder welche mit Migrationshintergrund arbeiten. „Theater sollten doch ihrer Zeit voraus sein.“

2017 erarbeitet sie mit Volker Lechtenbrink am Hans-Deutsch-Theater in Hamburg Shakespeares „Der widerspenstigen Zähmung“. Dann geht es nach Tansania, wo Flinn Works das Stück zum Kolonialkrieg aufführen wird.

In Kassel spielt die gebürtige Münsteranerin noch in „Die Unverheiratete“, das am 15.12. Premiere hat, in „Die Schutzbefohlenen“ und in „Terror“. Langfristig will sie nach Berlin ziehen und freut sich darauf, nach Schauspielschule und Festengagement nun wieder mehr „auf die Suche zu gehen“.

Sabrina Ceesay wird am 23. Dezember nach „Terror“ im Schauspielhaus verabschiedet.

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