Abschluss des Bayreuther „Rings“: Buhs und Jubel halten sich die Waage

Schmieden eine Intrige: Allison Oakes (Gutrune), Stephen Milling (Hagen, Mitte) und Alejandro Marco-Buhrmester (Gunther) an der Döner-Bude. Foto: Nawrath

Bayreuth. Drei in Plastikplanen gehüllte Frauen pflegen einen Tempel im schmuddeligen Eingang eines Hauses. Kerzen, eine Art Altar. Ein Ort des Heiligen in einer post-urbanen Wüstenei. Mülltütentragend – so sehen Schicksalsgöttinnen in Bayreuth also aus.

„Getrübt trügt sich mein Blick“, mag mancher Besucher, der die traditionellen Rollenbilder der Vorlage nicht wiederfindet, angesichts dieser Nornen sagen.

Am Samstag gab es im Festspielhaus für die Regie von Richard Wagners „Götterdämmerung“ viel Applaus, aber auch ebenso viele Buh-Rufe. Die Zuschauerfraktionen schienen sich in ihren Zustimmungs- und Missfallensbekundungen aufzuschaukeln. Minutenlang verharrten Regisseur Frank Castorf und sein Team vor dem Vorhang, um die Emotionen abzuwettern.

Kirill Petrenko

Euphorischer Jubel galt erneut den Sängern und besonders Kirill Petrenko, dessen fein ausdifferenziertes Dirigat voller Emotionen, dessen phänomenale Dynamikwechsel und dessen zarte, aber wunderbar leuchtende Pianostellen (etwa im Trauermarsch) in Erinnerung bleiben werden. Es ist auch ein Abschied von einem hier drei Jahre lang maßstabsetzenden Klanggestalter, der womöglich unter der Ägide des Musikdirektors Christian Thielemanns nicht zu den Festspielen zurückkehren wird, erst recht nicht, wenn er Chef der Berliner Philharmoniker geworden ist. Der Castorf-„Ring“ wird auch im Rückblick sicher mit Petrenkos Dirigat verbunden bleiben. 2016 übernimmt Marek Janowski.

Wie kann es weitergehen in unserer ernüchterten Welt? Was nun, da die großen Bindungskräfte des 20. Jahrhunderts gescheitert sind: Kapitalismus wie Sozialismus haben ihre Macht verloren. Diese Entwicklung zeigt Castorf in den ersten Teilen seiner „Ring des Nibelungen“-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen. Doch was, wenn die alten Ideologien zerbröselt sind? Diese Frage steht über dem Abschlussabend. Inhaltlich folgt Castorf hier allerdings weniger einem Konzept, er präsentiert vielmehr dutzende Einzelgedanken und erneut eine Reihe von Gags.

Der Regisseur versammelt Filmzitate aus Sergej Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ und Jim Jarmuschs „Dead Man“, Globalisierungskritik mit der Fassade der New Yorker Börse, ausländerfeindliche Hassplakate, Schamanenrituale und natürlich das Herumgematsche mit seinem Inszenierungs-Markenzeichen, dem Kartoffelsalat.

Die aufstiegsversessenen Gibichungen Gunther (Alejandro Marco-Buhrmester) und Gutrune (Allison Oakes) residieren in einer Hinterhof-Dönerbude in Berlin. (Bühne: Aleksandar Denic). Mit Strippenzieher Hagen haben sie leichtes Spiel, den tumben Tor Siegfried mit Büchsenbier zu umgarnen. Schon läuft die Intrige, sich Siegfrieds und Brünnhildes – und natürlich des Nibelungenrings – zu bemächtigen. Stefan Vinke gibt seinem Siegfried erneut ebenso viel Power wie Leichtigkeit, Catherine Foster überzeugt als schmerzensreiche Brünnhilde wieder mit ihrem dunkel timbrierten Sopran und weit gespannten Bögen.

Strahlendes Zentrum des Abends ist Stephen Milling. Sein Hagen ist sowohl darstellerisch wie sängerisch grandios. Mit weichem, dunklem Bass gibt Milling der Figur des Intriganten keine dämonische Note, sondern vielmehr großes Charisma und Verführungskraft. Im Zwiegespräch mit Vater Alberich (Albert Dohmen) dominieren zarte Töne, in Anrufung seiner Mannen eine natürliche Autorität.

Castorf rückt die Figur Hagen auch inszenatorisch weit nach vorn. Zwei Videoeinspieler lassen ihn dem Publikum ganz nah kommen: Erst irrt er durch einen lichtdurchfluteten Laubwald. Im Schlussbild, zur verklärenden Musik, sieht man Hagen dann auf einem Floß liegen. Unaufhaltsam treibt es in die Ferne.

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