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Absolventen der Kasseler Kunsthochschule stellen aus

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Installation aus documenta-Überbleibseln: Marlon Middeke (links) und Carim Al Samarraie sind das Duo MC².
Installation aus documenta-Überbleibseln: Marlon Middeke (links) und Carim Al Samarraie sind das Duo MC². © Mark-Christian von Busse

Die Examensausstellung „From Scratch“ in der documenta-Halle spiegelt die Vielfalt der Kunsthochschule wider. Sie läuft bis Sonntag.

Kassel – Ein paar Stäbe und flexible Verbinderstücke genügen, um loszulegen. Die Verlockung ist groß. Einfach mal ausprobieren, was sich machen lässt, ob sich daraus etwas konstruieren lässt, das stabilen Halt hat.

Sebastian Foerster, Absolvent des Studiengangs Produktdesign an der Kunsthochschule, hat in seinem Projekt „Still Playing“ ein modulares Stecksystem entworfen, das Erwachsene intuitiv zum spielerischen Bauen verführt – ganz ohne Anleitung. Wie gut sein finaler Entwurf „Grow up“ funktioniert, ist in der documenta-Halle zu erleben. Dort läuft bis Sonntag die Examensausstellung, die die Absolventen und Meisterschüler – mit Unterstützung der cdw-Stiftung – wieder ausschließlich selbst organisiert haben: von der Auswahl der freien Kuratorin Marlene Bürgi aus Lausanne bis zur grafischen Gestaltung.

Der Titel von Examen ‘22 lautet „From Scratch“. Im Englischen heißt das: ganz von vorne, von Grund auf. „To scratch“ bedeutet kratzen, schrammen, ritzen. Für Kuratorin Bürgi macht die Ausstellung einen Einschnitt kenntlich: das Ende des Studiums als Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Gelegenheit, innezuhalten, einen Strich zu ziehen: Was ist in der Lehre vermittelt worden, was bleibt, wo sind Lücken, Risse, Widersprüche, was gilt es neu zu lernen? Bürgi sieht die Ausstellung als eine Art „zeichnerische“ Markierung.

Für die gebürtige Baslerin, die 2016 in Leiden (Niederlande) einen Master in Museologie und Sammlungsgeschichte absolviert hat, galt es, „Linien auch dort zu ziehen, wo es keine gibt“, etwa in zwischenmenschlichen Beziehungen. Ihre Aufgabe war es, bereits existierende Arbeiten aus einer feststehenden Gruppe in Verbindung zu bringen – „eine tolle Herausforderung“ –, die noch dazu die gesamte Bandbreite der Ausbildung an der Menzelstraße abdecken: von der Visuellen Kommunikation bis zum Lehramt Kunst. Und das mit großer Ernsthaftigkeit, aber auch viel Humor, wenn beispielsweise Besucher Langlaufskier ausleihen können, um mit ihnen die Ausstellung zu erkunden – in der Sofa- und Sitzlandschaften zum Ruhen einladen, als hätten Ruangrupa ihre Finger im Spiel gehabt.

Mit Relikten aus d15-Standorten haben Marlon Middeke und Carim Al Samarraie eine begehbare skulpturale Installation errichtet: aus hunderten Getränkekisten. Damit greifen sie das documenta-Thema der Materialkreisläufe auf. Middeke setzt zudem seine künstlerische Erkundung der Geschichte des Friedrichsplatzes fort.

Als ein für die Absolventen wichtiges Thema kristallisiert sich die Beschäftigung mit der eigenen Körperlichkeit heraus – „als Gegenpol zu kapitalistischen Unterdrückungsmechanismen“, wie es Betta Eichner formuliert: die Folgen von Verletzungen, (auch queere) Identitätssuche. Wohnen ist wichtig – im Dokumentarfilm wie im Comic. Wohnverhältnisse machen die Schere zwischen Arm und Reich sichtbar, Biografien und Lebensträume lassen sich anhand der Wohnsituation erzählen. Alexandra Leibmann hat das Puppenhaus ihrer Kindheit in dem „Wohnzimmer“ platziert, in dem ihr Film über ein Gentrifizierungsprojekt in Freiburg läuft. Darauf wurde sie aufmerksam, während sie bei einer Innenarchitektin für Luxuseinrichtungen tätig war: was für Kontraste.

Einen riesigen Aufwand hat Marlies Lamberg betrieben. Sie spult die Zahlen ab: „11 Kilometer Nylonfäden, 5000 Knoten, 600 Nägel, mit Hilfe 120 Arbeitsstunden.“ Auch sie hat Linien gezogen: zwischen Wand und Fenstern. Für dieses „Spiel mit der Wahrnehmung“ muss man genau hinschauen.

Die Ausstellung „Examen – From Scratch“ läuft bis Sonntag, geöffnet Do/Fr/Sa 10-20 Uhr, So 12-20 Uhr. Rundgänge Fr 18 Uhr, Sa 16 Uhr, So 12 Uhr, Treffpunkt Eingangsbereich. Artist Talks am Freitag, 16 bis 18 Uhr (Moderation: Holger Jenss), Samstag, 14 bis 16 Uhr, moderiert von Andara Shastika. Mit Katalog. 

Im Eingangsbereich stellt Andreas Rosental aus.
Im Eingangsbereich stellt Andreas Rosental aus. © Privat
Baukastenspiel für Erwachsene: Nico Buurmann (von links), Kuratorin Marlene Bürgi, Produktdesigner Sebastian Foerster (er hat das Stecksystem entworfen) und die kuratorische Assistentin Sophie Kritten.
Baukastenspiel für Erwachsene: Nico Buurmann (von links), Kuratorin Marlene Bürgi, Produktdesigner Sebastian Foerster (er hat das Stecksystem entworfen) und die kuratorische Assistentin Sophie Kritten. © Mark-Christian von Busse
Zum Ausleihen: Johanna Brummack (links) und Marlies Lamberg mit Skiern.
Zum Ausleihen: Johanna Brummack (links) und Marlies Lamberg mit Skiern. © Privat

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