Am Deutschen Theater in Göttingen wird der DDR-Roman „Rummelplatz“ zu einem deutschen Bilderbogen

Absteigen ins Bergwerk Deutschland

In Bewegung: Andrea Strube, Benjamin Berger (Mitte) und Alois Reinhardt geben wie alle Ensemblemitglieder vollen Einsatz. Foto:  Winarsch

Göttingen. Ein Textheft braucht das Ensemble nicht. Gesprochen wird kaum in der Bühnenfassung des Werner-Bräunig-Romans „Rummelplatz“ am Deutschen Theater in Göttingen. Regisseurin Christina Friedrich hat vielmehr mit elf Schauspielern, dem Pianisten Hans Kaul und dem Jagdhund Frau Holle einen Bilderbogen erarbeitet, der ohne Worte auskommt. Theater der Körper, Theater der Bewegung.

Der zweistündige Abend wurde kontrovers aufgenommen. Eine Reihe von Premierenbesuchern verließ am Samstag vorzeitig den Saal, die anderen applaudierten und stimmten am Ende bei Schillers „Ode an die Freude“ vorsichtig in den Ensemblegesang ein.

Bräunig beschreibt in „Rummelplatz“ das Leben der ostdeutschen Bergbau-Arbeiter in den ersten Jahren der DDR. Sein (zu) realistisches Werk durfte im Arbeiter- und Bauernstaat nie erscheinen. Das Ensemble entwarf auf Basis des 700-Seiten-Textes ein Bild des deutschen Neubeginns in der Stunde null.

Ein hölzerner Bergwerksschacht, Holzscheite, ein ausgestopftes Reh: Die Bühne bleibt weitgehend leer, an der Seite hängen die Kleider zum Umziehen (Ausstattung: Susanne Uhl) auf offener Bühne.

Wo fängt man nach dem Krieg an? Wie kann man sich von den Nazis abgrenzen? Wer wollen wir jetzt sein?

Videos von Zarah Leander bei einem Wehrmachtsauftritt und von der Bombardierung Dresdens werden eingespielt. Akrobatisch springt und rennt das Team ohne feste Rollenaufteilung auf dem weiten Bühnenquadrat. Fährt Ski, säuft Bier, tanzt Boogie, ist mal Lageraufseher, mal Arbeiter, mal Funktionär, robbt immer wieder durch den Schacht: Tiefenschürfung Deutschland.

Textpassagen werden über Lautsprecher eingelesen. Es wird viel gesungen - von Heinrich Heine bis zum Horst-Wessel-Lied im lächerlichen Häschenkostüm - wir haben es doch nicht so gemeint.

Immer wieder wird geschrubbt: der Bühnenboden und die schwarz verschmierten Körper. Sich rein waschen wollen - ein schön doppeldeutiges Bild, das die Bergwerkssymbolik ebenso aufgreift wie den Wunsch, historisch eine weiße Weste zu haben.

Abwechslungsreich rollt der Abend ab, das Assoziationsgeflecht ist dicht gewebt (manchmal vielleicht etwas zu sehr auserzählt) und lässt darin zugleich den Zuschauern eigene Anknüpfpunkte.

Ein intensives Theatererlebnis von einem spürbar hochmotivierten Ensemble aus Benjamin Berger, Johanna Diekmeyer, Jacqueline Füllgrabe, Johannes Granzer, Philip Hagmann, Karl Miller, Alois Reinhardt, Daniel Sellier, Ronny Thalmeyer, Andrea Strube und Marie-Isabel Walke.

Wieder am 3., 4., 8. Juni, Karten: 0551-496911.

Von Bettina Fraschke

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