Absturz in Moskau: Moritz Bleibtreu im Kino-Thriller „Die vierte Macht“

Der Szenejournalist bei der Recherche: Paul Jensen (Moritz Bleibtreu) mit Kollegin (Isabella Vinet). Foto:  Universal

Moskau? Da trinken blondierte Mädchen mit aufgepumpten Brüsten den Champagner aus der Flasche, da demonstrieren fusselbärtige Anorakträger faustschwingend für Freiheit, da knüppeln undurchdringlich blickende Geheimdienst-Schergen vorwarnungslos drauf los.

Moskau funkelt entweder im Licht cooler Clubs und designter Altbauwohnungen oder versinkt im Grau schäbiger Plattenbauten und überfüllter Gefängniszellen.

Klischees scheut Dennis Gansel in seinem Film „Die vierte Macht“ nicht. Vor allem in der ersten Hälfte des Polit-Thrillers bricht er sie viel zu wenig auf, dringt in seinem Blick auf Moskauer Verschwörungen kaum einmal hinter deutsche Russland-Stereotypen vor.

Paul (Moritz Bleibtreu) ist ein erstaunlich unbedarfter Journalist, der in die russische Hauptstadt kommt, um die Partyseite des Szenemagazins „Moskau Match“ aufzupolieren. Russisch spricht er nicht, Ahnung von den Lebensumständen der Menschen hat er auch nicht - geschweige denn von politischen Hintergründen.

Schneller, als er ein Glas Wodka herunterschütten kann, gerät er folglich in die Bredouille, als er den Nachruf auf einen umstrittenen Publizisten ins Blatt schmuggelt, der auf offener Straße ermordet worden war. Damit wird er allerdings nicht zum coolen Checker für die umschwärmte Katja, sondern seine Probleme werden massiv wie die Mauern des Kreml.

Paul wird verhaftet, im überfüllten Knast misshandelt, allein gelassen, entführt, taucht unter, schlägt sich durch und kommt einem politischen Komplott auf die Spur, dem auch schon sein verstorbener Vater nachgespürt hatte. Der war auch Journalist, aber ein politisch engagierter, was Paul in einem pathetisch-tränenreichen Läuterungsprozess realisiert.

Im internationalen Team spielen auch die Deutschen Max Riemelt und Stipe Erceg, die schöne Katja wird von der polnischen Schauspielerin Kasja Smutiak dargestellt, „Match“-Herausgeber Onjegin ist der kroatische Filmstar Rade Serbedzija, der ukrainische Israeli Mark Ivanir spielt den Tschetschenen Aslan, der Paul im Knast hilft.

Aus Budgetgründen wurde nur drei Tage in Moskau, sonst aber in der Ukraine gedreht, außerdem wurde eine Berliner Kirche zur Moskauer Disco umgestylt. Ein ambitioniertes Projekt, das statt auf die realisierten 115 Minuten ursprünglich auf eine Länge von 150 Minuten angelegt war - womit sich vielleicht manche Oberflächlichkeit erklären lässt.

Regisseur Gansel will die These illustrieren, dass die russische Regierung womöglich Terroranschläge selbst verübt hat, um sie tschetschenischen Rebellen in die Schuhe zu schieben, womit man wiederum Krieg gegen die Kaukasusrepublik begründen konnte.

Bringe deinen Protagonisten in eine komplett ausweglose Situation, mache ihn zum Spielball undurchsichtiger Mächte und lass ihn sich dann von ganz unten hochrappeln: Dennis Gansel („Die Welle“, „Napola“, „Wir sind die Nacht“) spielt die Genre-Regeln des Thrillers professionell durch. Das ist trotz mancher Filmschwäche respektabel.

Genre: Thriller

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: drei von fünf Sternen

Von Bettina Fraschke

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