Literarischer Frühling:

Beeindruckende Lesung von Julia Franck beim Literarischen Frühling

Phänomenal: Julia Franck in Frankenberg. Foto: Katharina Jaeger

Frankenberg. Mit ihrem Roman habe sie versucht, eigene, „grauenvolle, zersetzende Familienerfahrungen“ zu bannen, sich Beschädigungen durch ihre Familiengeschichte bewusst zu werden, sagte Julia Franck  bei ihrer beeindruckenden Lesung beim Literarischen Frühling am Dienstag in Frankenberg.

Sie glaube fest daran, dass das „gebannte Bild“ weniger Verletzungen verursache als das, was verschwiegen werde.

Bestürzender Eindruck

Die Großmutter, die in der DDR hochgeschätzte Bildhauerin Ingeborg Hunzinger (1915-2009), musste als Jüdin in der Nazi-Zeit emigrieren. Ihre große Liebe, den Vater ihrer zwei Kinder, konnte sie wegen der Rassegesetze nicht heiraten. Er starb in den letzten Kriegswochen als „Frontmaler“. Mit „fast religiösem Wahn“ glaubte die Großmutter an den Kommunismus.

Mit welch unerbittlicher Kälte sie Julia Francks Mutter und deren Bruder - im Buch die fast symbiotischen Geschwister Ella und Thomas - erzog, davon gaben Passagen aus ihrem Buch "Rücken an Rücken", die Franck für die Lesung ausgewählt hatte, bestürzenden Eindruck.

Von der "Abwesenheit einer Gnade"

Ihr Onkel, der musisch ebenfalls begabte Gottlieb Friedrich Franck, beging 1963, kurz nach dem Mauerbau, Suizid. „Er ist an unseren Ideen gestorben“, sagte ein Freund der Großmutter in der Trauerrede: Ohnmächtig, eingesperrt, gefangen in der Ideologie, „voll Ekel vor dem Mensch, der er würde sein müssen“ in der DDR, sagte die 43-Jährige. Auf perfide Weise sei dort das gerade überwundene Gesellschaftsmodell des Dritten Reichs wiederholt worden. Das Buch erzähle von „der Abwesenheit einer Gnade“.

„Da muss man erstmal Luft holen“, reagierte Christiane Kohl nach der Lesung. Die Redakteurin der Süddeutschen Zeitung gehört als Mitinhaberin des Landhauses Bärenmühle zu den Initiatoren des Literarischen Frühlings. Auch ihrer Moderation war es zu verdanken, dass der Abend so außerordentlich glückte. Sie stellte die richtigen, darunter auch schmerzhafte Fragen nach Francks Verhältnis zur Mutter - inzwischen „entspannt und respektvoll“ - und zu den Kritiken des Romans, die sie klar, klug und präzise beantwortete.

Absurder Kitsch-Vorwurf

Die meisten Feuilletons hatten „Rücken an Rücken“ ein miserables Zeugnis ausgestellt. Für Franck nicht überraschend. Nach dem Deutschen Buchpreis für „Die Mittagsfrau“ 2007 „konnte es nur noch in die Zerstörung gehen“. Sie habe mit diesen „Kulturmechanismen“ der „Dekonstruktion einer Geehrten“ gerechnet und sich daher beim Schreiben gerade frei gefühlt.

Den Furor und die Etikettierungen mancher Kritik findet sie gleichwohl abenteuerlich und gefährlich. Absurd sei der Kitsch-Vorwurf: „Kitsch ist die Verweigerung von Schmerz, um Glück zu erlangen. Negierung des Schmerzes ist dieser Roman nicht.“

Von Mark-Christian von Busse

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