Die Bonner Bundeskunsthalle zeigt eine große Schau zum Thema „Napoleon und Europa. Traum und Trauma“

Achtung! Kanone von rechts!

Im Krönungsornat auf dem Kaiserthron: Napoleon-Gemälde von Jean-Auguste-Dominique Ingres (1806).

Bonn. Achtung! Kanone von rechts! Mit diesem kriegerischen Auftakt in der Bonner Bundeskunsthalle wird unmissverständlich betont, worauf der Erfolg des ausgebildeten Kanoniers Napoleon Bonaparte (1769-1821), der es zum Kaiser der Franzosen brachte, beruhte: Auf der Androhung und Ausübung von Gewalt.

Mit der über 400 Exponate umfassenden Ausstellung werden erstmals die Auswirkungen der napoleonischen Machtpolitik und die Reaktionen darauf in ganz Europa beleuchtet.

Die Inszenierung folgt dem Prinzip von „einerseits und andererseits“. Einerseits sind Kultgegenstände wie Hut, Gehrock und Feldbett Napoleons ausgestellt. Andererseits sind erschütternde Zeugnisse aufgeboten. Darunter ein Brust- und Rückenpanzer mit kapitalem Durchschussloch, Aquarelle, auf denen der Arzt Charles Bell Schwerverwundete der Schlacht von Waterloo (1815) zeigt, oder eine Totentafel mit der Aufschrift: „Der Huber Hans auch in Russland geblieben.“

Enttäuschend karg und nüchtern fällt eines der schillerndsten Kapitel der napoleonischen Ära aus: Die Plünderung und Überführung der europäischen Kunstsammlungen und Archive nach Paris. Gern würde man einige der geraubten und nach Napoleons zweiter Abdankung zurückgegebenen Kunsttrophäen im Original sehen. Aber die Schau begnügt sich mit einer Auswahl postkartengroßer Reproduktionen. Dazu gesellen sich einige Grafiken und Verzeichnisse, die Raub und Rückgabe dokumentieren.

Wie ein roter Faden ziehen sich Bildnisse Napoleons durch die Ausstellung. Er selbst gab das von Antoine-Jean Gros gemalte Heldenstück „General Bonaparte auf der Brücke von Arcole am 17. Juni 1796“ (1796) in Auftrag. Hinterfangen von Pulverdampf und Explosionen, rauscht der tapfere Feldherr mit Fahne und Säbel in den Händen in voller Lebensgröße dicht an uns vorbei.

Auf Distanz und Würde setzt das von Jean-Auguste-Dominique Ingres gemalte Bild „Napoleon auf dem Kaiserthron“ (1806). In Übergröße blickt der Herrscher auf uns hinab. Dagegen sprechen die Napoleon gewidmeten Karikaturen eine ganz andere Sprache. Nach der Völkerschlacht von Leipzig zum Beispiel entstand der anonyme Kupferstich „Triumph des Jahres 1813. Den Deutschen zum Neuenjahr“ (1814). Auf ihm ist Napoleons Profilkopf aus nackten Toten und Verwundeten zusammengesetzt.

Fast schon Rührung kommt am Ende auf. Eine Schürze mit aufgesticktem „N“ weist uns darauf hin, dass sich Napoleon nach der Verbannung auf die Atlantikinsel St. Helena als Gärtner betätigte. Ausstellungskuratorin Bénédicte Savoy zieht das Fazit: „Der heutige Napoleon ist ein kompliziertes Geflecht aus Heroenkult, mystischer Verklärung, politischer und nationaler Projektionen jeder Couleur. Es ist ein Konstrukt, das gerade wegen seiner Vielgestaltigkeit dem heutigen Europa immer noch zu schaffen macht.“

Bis 25.4., Friedrich-Ebert-Allee 4, Bonn. Di, Mi 10-21 Uhr, Do-So 10-19 Uhr. 24., 31.12. geschlossen. Tel. 0228-9171200, www.bundeskunsthalle.de Katalog (Prestel): 32 Euro.

Von Veit-Mario Thiede

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