Emil Noldes religiöse Bilder werden in einer beeindruckenden Schau in Berlin ausgestellt

Adam und Eva - recht ratlos

Bietet mehr als eine simple Verbildlichung der biblischen Geschichte: Emil Noldes Gemälde „Verlorenes Paradies“ mit Adam und Eva, die hier recht hilflos wirken. Das Werk entstand 1921. Foto: Nolde Stiftung/ nh

Berlin. Er selbst hielt sie für seine besten Werke. Die biblischen Bilder wie „Das Leben Christi“ oder seine Legendenbilder. Gemalt hat Emil Nolde nur wenige Dutzend. Die aber erregten die Gemüter.

Während die einen „ekstatische Schauer“ verspürten, sahen die anderen eine „Perversion des Ästhetisch-Vernünftigen“ und monierten „extremen ästhetischen Nihilismus“ in Noldes tief aus dem Innern geschöpften Visionen.

Selbst Künstler wie Max Liebermann stießen sich an den religiösen Bildern des Kollegen, die nicht am biblischen Wort ausgerichtet sind, sondern freie Erfindung. Wahrscheinlich war das manchem Betrachter gar zu fantasievoll. Jedenfalls spinnt Nolde in diesen expressionistischen Werken nicht die christliche Ikonografie im engeren Sinne weiter, sondern folgt modern und unkonventionell seinen eigenen Vorstellungen. Er feiert Gesichter als Ereignis.

Persönliche Offenbarung

Über den Künstler, „der das Religiöse ganz neu erlebt, nicht als Überkommenes, sondern als persönliche Offenbarung“, wie Paul Westheim feststellte, kann man in der Berliner Dependance der Nolde Stiftung Seebüll jetzt mehr erfahren. 69 religiös inspirierte Gemälde, Aquarelle und Grafiken aus dem Besitz der Stiftung sind zu betrachten.

Als Sensation kann die Reise des neunteiligen Bilderzyklus „Das Leben Christi“ vom Seebüller Atelier des Malers nach Berlin betrachtet werden. Dabei ist die thematische Skala breit und nicht unbedingt für Betschwestern ideal. Sie könnten womöglich immer noch über Noldes Verbindung zwischen Sexualität und Religion stolpern. Über die „Ekstase“ von 1929 etwa. Das Gemälde eines nackten Frauenkörpers wurde als obszön empfunden und durfte lange nicht ausgestellt werden.

In der Zeit des Nationalsozialismus zählten Werke wie dieses zur „Entarteten Kunst“, und auch „Das Leben Christi“ (1911/12), welches der Künstler Anfang der 30er-Jahre ins Museum Folkwang nach Essen gegeben hatte, wurde 1937 beschlagnahmt. Nolde erhielt 1941 Malverbot und fertigte bis Ende des Krieges nur sechs unverfängliche Blumen-Gemälde in Seebüll, dafür über 1300 „Ungemalte Bilder“.

Dieses waren Aquarelle, von denen einige in der Ausstellung zu sehen sind. Mit aquarellierten Federzeichnungen verschiedener „Apostelköpfe“ begann 1909 auch sein Abtauchen „in die mystischen Tiefen menschlich-göttlichen Seins.“ Krankheitsbedingt übrigens, nach einer Trinkwasser-Vergiftung, die ihn in Abgründe hatte blicken lassen.

Als Marksteine seiner Ausdrucksfindung hat er die Herren Apostel empfunden. 51 Gemälde folgten im Laufe der Zeit, die er selbst dem Kanon seiner Bibel- und Legendenbilder zurechnete. „Die Vorstellungen des Knaben von einst, als ich während langer Winterabende tief ergriffen in der Bibel lesend saß, wurden wieder wach. Es waren Bilder, die ich las, reichste orientalische Phantastik“, berichtet er um 1912. Zum Glück ist er nicht Missionar geworden, wie er als Pubertierender mal überlegte, sondern Maler traumhafter Eingebungen. Gemälde wie „Das Verlorene Paradies“ (1921), das Adam und Eva ratlos mit stupidem Gesichtsausdruck als ulkige Gestalten präsentiert, sorgen für Erheiterung im ernsten Parcours.

Bis 15. April in der Nolde Stiftung Seebüll, Dependance Berlin, Jägerstr. 55. wwwnolde-stiftung.de

Von Andrea Hilgenstock

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