Das Männer-Stück „Wir müssen reden“ unterhält mit viel Musik am Jungen Theater Göttingen

Adams wehmütige Erben singen

Moderne Helden: Dirk Böther (von links), Thomas Hof , Ulf Nolte und Dave Wilcox. Foto: Eulig

Göttingen. „Und nachts träume ich, ich sei Berlusconi.“ Heimliche Bewunderung für den italienischen Erzschürzenjäger hegen, und dann zittern, wenn der Kontrollanruf von daheim auf dem Handy summt: Dem männlichen Ego bleibt in „Wir müssen reden“ keine Entlarvung erspart. Das Junge Theater Göttingen schickt vier Artgenossen auf die Suche nach dem modernen Mann - heraus kommen dabei ein quirliger Streifzug durch die jüngere Popmusik und die Skizze einer Gesellschaft im Übergang. Am Samstag feierte das Musical im Jungen Theater Göttingen Premiere.

Das Schneechaos hat auch sein Gutes: Es hält die vier Jugendfreunde Dirk, Thomas, Dave und Ulf zusammen, obwohl längst die Pflichten des Alltags rufen. Nach einer durchzechten Nacht in gemütlich unaufgeräumter Camping-Atmosphäre bricht es Stück für Stück aus allen heraus: Dieser Alltag ist längst nicht so heldenhaft wie zu Jugendzeiten entworfen. Kunst, Karriere? Elternzeit, Frauenquote! Da kann man noch so energisch 80er-Schnulzen schmettern, die Zeit der Leichtigkeit kommt nicht zurück.

Trotzdem ist der Gesang Therapie: Die Ohrwürmer der Männer werden zum Ventil, den Leidensdruck abzulassen, Schwäche zu zeigen: Rainald Grebe und Rammstein, Bonnie Tyler und Thomas D. lassen ein Lebensgefühl entstehen, das zwischen Jungenhaftigkeit und Reflexion herumirrt. Eigentlich haben Adams Erben Eva Hermans Rollenbilder längst überwunden - und schauen bisweilen doch wehmütig zurück auf die geklärten Verhältnisse.

Die Darsteller leihen ihren Rollen ihre tatsächlichen Vornamen, als wollten sie noch mehr Authentizität vermitteln. Die Spielfreude sieht man ihnen vor allem dann an, wenn sie an ihre sängerischen Grenzen stoßen: Die „Sweet Dreams“ der Eurythmics gibt es augenzwinkernd als Falsett-Quartett. Unklar bleibt, warum Regisseur Andreas Döring die Handlung ab der Hälfte komplett in die Nummern abtauchen lässt.

Was folgt, erinnert an einen Klickmarathon beim Video-Portal YouTube, der aber den Nerv des Premierenpublikums trifft. Viel Zwischenapplaus, donnernder Abschluss, der sogar eine Zugabe abnötigt, sind der Lohn für die sängerische Selbstentblößung. Ein Stück für moderne Männer und solche, die es werden müssen.

Nächste Termine: 9., 16., 20. und 26.2., jeweils 20 Uhr; Karten: 0551/49 501-5.

Von Jan Löffel

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