Vokalmusik von Kassia von Byzanz in der Lutherkirche

Die älteste Komponistin

Fabelhafte Stimmen: Von links Petra Noskalová, Sigrid Hausen, Gerlinde Sämann und Sarah M. Newman. Foto: Malmus

Kassel. Komponierende Frauen unserer Zeit haben einen Stammplatz in der Konzertreihe „Komponistinnen und ihr Werk“. Ob sie alle wissen, dass ihre Urmutter, die älteste namentlich bekannte Komponistin des christlichen Abendlands, eine gelehrte byzantinische Frau namens Kassia aus dem 9. Jahrhundert war?

Etwa 50 geistliche Hymnen aus ihrer Feder, die erst in den letzten Jahren erforscht wurden, sind bekannt. Einige davon führte das vierköpfige Münchner Vokalensemble „VocaMe“ am Dienstagabend in der Lutherkirche auf. „Klänge aus einer fernen Zeit“ (so der Titel des Konzerts) sind dies, in die man sich hineinhören muss. Gelingt der Durchgang durch das Nadelöhr (und fährt nicht gerade die Feuerwehr einen Einsatz), dann erschließt sich durch die vier fabelhaften Frauenstimmen von Sigrid Hausen, Sarah M. Newman, Gerlinde Sämann und Petra Noskalová eine Sphäre der Ruhe und Religiosität.

Denn natürlich sind es nur geistliche Texte, die die Äbtissin, Dichterin und Komponistin aus Konstantinopel vertont hat. Lange melodische Linien, zum Teil im Oktavabstand gesungen, nur kleine Intervalle und eine Dominanz der griechischen Worte zeichnen diese Musik aus, die durch Abschriften aus späteren Jahrhunderten überliefert ist.

Um die fernen Klänge nicht zu eintönig werden zu lassen, reichert der Ensembleleiter Michael Popp den reinen Gesang durch instrumentale Begleitung an. Dazu benutzt er vorderasiatische und indische Saiteninstrumente wie Santur, Tar, Uth oder Diruba, was dem vokalen strengen Element eine gewisse Aufheiterung verleiht. Dass dies letztlich Fantasie mit „hohem Spekulationsanteil“ ist, gesteht Popp im Wissen zu, dass wohl niemand je erfahren wird, wie diese Musik zur Zeit ihrer Entstehung geklungen haben mag.

Die 75 Zuhörer ließen sich fesseln und applaudierten reichlich.

Von Johannes Mundry

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