Fortbildung bei den Alten Meistern: Was Gemälde über Medizin aussagen 

Fortbildung anderer Art: Dr. Johannes Heimbucher (links), Dr. Justus Lange und einige Ärzte vor Belluccis „Königssohn“. Foto: Schoelzchen

Kassel. „Wir müssen darauf achten, dass wir Ärzte bleiben“ - Budgetierungen, Leitlinien, Standardisierungen, Qualitätsmanagement zum Trotz. Der Appell von Dr. Johannes Heimbucher, Chefarzt des Kasseler Marienkrankenhauses, fand an ungewöhnlichem Ort statt: im Schloss Wilhelmshöhe.

Heimbucher und Prof. Dr. Martin Konermann, Ärztlicher Direktor des Marienkrankenhauses, hatten alle niedergelassenen Kasseler Ärzte zu einer Fortbildung ins Museum eingeladen. Die Resonanz war groß - 40 Ärzte informierten sich am Donnerstagabend und debattierten lebhaft über Diagnosen auf zwei Gemälden. Dr. Justus Lange, Leiter der Gemäldegalerie, und sein wissenschaftlicher Assistent Dr. Timo Trümper griffen die Idee gern auf und gaben kurze kunsthistorische Einführungen.

„Ich habe mich noch nie so lange auf einen Vortrag vorbereitet, und ich hatte noch nie so wenig Ahnung“, gestand Heimbucher vor Antonio Belluccis (1654-1726) Großformat „Der kranke Königssohn“. Das Gemälde, das schon Goethe beeindruckte und in dessen „Wilhelm Meister“ auftaucht, ist für den Chirurgen ein Beleg, wie wichtig Hausbesuche sind und wie unabdingbar es ist, die Lebenssituation des Patienten in den Blick zu nehmen. Auf dem Bild hält Erasistratos, der Leibarzt des Königs, die Hand des Patienten und blickt gleichzeitig auf eine junge Frau am Krankenbett. Was passiert da?

Mit der Familie des Königs der Diadochen, Seleukos I., die Bellucci zeigt, „könnte man zehn Jahre Soap Opera gestalten“, fand Heimbucher heraus. „Das Siechtum des Königssohn gründet auf einen unauflösbaren Konflikt“: Antiochus I. (324-261 v. Chr.) hat sich in seine Stiefmutter Stratonike verliebt. Der Arzt Erasistratos gilt als Begründer der Psychosomatik: Er erkannte die Ursache der rätselhaften Erkrankung, als er bei Stratonikes Eintreten Antiochus’ schnellen Puls fühlte. Die Medizin, „so wohlschmeckend wie heilsam“ (Goethe): Seleukos zeigte sich großmütig und verzichtete zugunsten des Sohnes auf seine Frau.

Faszinierend blätterte Internist und Kardiologe Konermann bei den fröhlichen Zechern auf Jacob Jordaens „Bohnenfest“ ein Panoptikum an typischen Symptomen auf: Folgen von Mangelernährung, metabolisches Syndrom (Übergewicht, Bluthochdruck, Schlafapnoe), Schilddrüsen-, Stoffwechselerkrankungen, Blutarmut, Schlaganfallfolgen ...

Selbst die Kinder sind nicht gesund - Gelegenheit zum kleinen Exkurs über Polypen und Kieferorthopädie. Für Konermann eine Faustregel: „Gesunde Kinder schnarchen nicht.“

Von Mark-Christian von Busse

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