Helfen Gemälde Alter Meister bei modernen Problemen?

Ärztlicher Blick auf die Alten Meister

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Furcht vor ewiger Verdammnis: Sebastian Dohe erklärt Kasseler Ärzten das vermutlich etwa 1570 entstandene Gemälde.

Kassel. Helfen Gemälde Alter Meister bei modernen Problemen? Können Bilder für aktuelle Debatten fruchtbar gemacht werden? Auf alle Fälle, sagen die Ärzte des Marienkrankenhauses, die kürzlich zum zweiten Mal Kollegen zur „anderen Fortbildung“ ins Museum Schloss Wilhelmshöhe einluden.

Titel ihres „ganzheitlichen ärztlichen Blicks auf die Alten Meister“: „Maßstab Mensch“. Zu zwei Bildern gab es jeweils eine kunsthistorische sowie eine medizinische Einführung.

Sebastian Dohe, Volontär der Gemäldegalerie Alte Meister, informierte über eine Hades-Darstellung von Pieter Claeissens d. Ä. (1499/1500–1576): „Eine Versammlung aller Übel, die die Menschheit plagen“, auch ein Panoptikum frühneuzeitlicher Hinrichtungsformen. Die Verstorbenen warten darauf, über den Styx übergesetzt und gerichtet zu werden, sie lagern vor der Pforte der Hölle mit dem Fegefeuer und hoffen, nicht ewiger Verdammnis überantwortet zu werden, sondern Eingang in die Glückseligkeit des Paradieses zu finden.

Zweck der Tafel, so Dohe, war die moralische Erbauung, die Warnung, vom Pfad der Tugend abzuweichen. Glänzend gelang dem Maler aus Brügge die Sogwirkung in die Tiefe, die fantasiereiche Darstellung von Schreckensgestalten.

Was das mit dem Krankenhaus von heute zu tun hat? Für Oberärztin Sigrid Verlaan handelt es sich bei den Qualen des Fegefeuers heutzutage um die internistische Intensivstation. Um eine Apparatemedizin, die die Würde des Patienten raubt, seinen Willen missachtet. Geräte, Kälte, Helligkeit, Anonymität, Schlaflosigkeit - die Hölle, das ist eine Intensivmedizin, die Menschen nicht friedlich einschlafen lässt, sondern so lange behandelt, wie es irgend geht, obwohl an Heilung nicht zu denken ist. Womöglich auch, weil das für die Kliniken lukrativ ist. Denn solange behandelt wird, kann abgerechnet werden. „Aber sinnloses Leid sieht niemand vor, weder Gott noch Allah.“

Vor dem Gericht: Ausschnitt der Hades-Darstellung von Pieter Claeissens dem Älteren.

Verlaan appellierte gerade an die jüngeren Ärzte, die Perspektive älterer Patienten einzunehmen, die sich vielleicht längst mit dem Tod auseinandergesetzt haben, ihre Wünsche zu respektieren: „Schauen Sie ein Patiententestament so sorgfältig an wie die Laborwerte.“

Dr. Wulf Hamelmann, Chefarzt der Chirurgie, plädierte ebenfalls für eine grundlegende Gelassenheit, die den Tod als unverrückbaren Teil des Lebens akzeptiert. Das Sterben solle mit Patienten und Angehörigen offen besprochen werden. Statt eine 93-jährige krebskranke Frau zu reanimieren, solle man sie „im Sterben begleiten“.

Hamelmann interpretierte „Die sieben Werke der Barmherzigkeit“ von Maerten Stoop (um 1620-1647), eine niederländische Alltagsszene, die Dr. Justus Lange, Leiter der Gemäldegalerie, erläuterte. Zur „misericordia“, wie sie der Evangelist Matthäus aufführt, zählen Krankenbesuche und das Begraben der Toten. Der abgebildete Arzt ist ein Harnbeschauer, er hält eine Matula, ein Uringefäß. Sie ist noch heute das Emblem der Deutschen Gesellschaft für Urologie.

„Die sieben Werke der Barmherzigkeit“ ist Thema in der Reihe der Bibel-Dialoge im Museum Schloss Wilhelmshöhe am Sonntag, 20.1., 11.30 Uhr, mit Rabbiner Shlomo Freyshist, Esther Haß und Dr. Justus Lange.

Sebastian Dohe referiert am 6. März, 18.30 Uhr, über Pieter Claeissens’ „Hades“ und „Cebes-tafel“.

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