Ästhetik des Grauens: Das Museum für Sepulkralkultur zeigt Fotos von Toten

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Zur Schau gestellt: Die Aufnahme eines Verkehrsunfalls von Enrique Metinides.

Kassel. Enrique Mitinides war zwölf, als er das erste Foto einer Leiche verkaufte. Seither trug der 1934 in Mexiko-Stadt geborene Sohn griechischer Einwanderer den Beinamen „El Niño“, das Kind.

Mitinides war unbezahlter Praktikant eines Polizeireporters, später fuhr er als Ambulanzhelfer in Krankenwagen mit, um selbst als Fotograf immer schnell am Ort von Katastrophen zu sein.

Der mittlerweile 77-Jährige fotografierte nach Zugunglücken, Autounfällen, Flugzeugabstürzen, er lichtete Selbstmorde und Verbrechen, Ertrunkene, Erschossene, Erstochene, Erhängte ab. Inzwischen haben seine Aufnahmen die Museen erreicht, das New Yorker Museum of Modern Art hat Fotos angekauft, das Fotofestival „Les Recontres d’Arles“ wird ihn im Juli ausstellen, und das Kasseler Museum für Sepulkralkultur zeigt ab heute in einer Kooperation mit dem Fotobuch-Festival seine erste Einzelausstellung in Deutschland.

Das Irritierende an Metinides’ 70 großformatigen Aufnahmen ist die Diskrepanz zwischen dem grauenhaften Geschehen und der fotografischen Meisterschaft. „Schaupiel des Tatsächlichen“ heißt die Ausstellung: Der Bildaufbau wirkt arrangiert, inszeniert, mitunter sogar an Vorlagen aus der Kunstgeschichte orientiert, die Leichen sehen aus wie Puppen. Aber das Blut, die Tränen, der Schmerz sind echt. Dieser Widerspruch ist schwer auszuhalten. „Es ist keine einfache Ausstellung“, sagt Michael Wiedemann vom Kasseler Fotoforum. Es geht einem wie den Gaffern, die die Bilder zeigen: Man möchte den Blick abwenden, aber kann es nicht.

Viele von Metinides’ Bildern würden in dieser Zeitung nicht gedruckt, das Sepulkralmuseum empfiehlt, Kinder unter 12 Jahren nicht mitzubringen. „Wir betreten mit dieser Ausstellung Neuland“, räumt Dr. Gerold Eppler ein, stellvertretender Leiter des Museums. Warum zeigt es die Bilder?

Weil auch der gewaltsame Tod - zumindest als eine über Medien vermittelte Erfahrung - zu unserer Welt gehört, weil die Fotos nicht die Ausübung von Gewalt zeigen, sondern deren Folgen, mit denen wir fertig werden müssen. Und, vielleicht für den Auftrag des Museums am wichtigsten: Weil die Ausstellung zum Thema macht, welche Todesbilder Medien vermitteln, wie der Tod zur Schau gestellt wird.

In Mexiko, so lernen wir, ist die Hemmschwelle niedriger: Während Mitteleuropäer sensibler auf Gewaltdarstellungen reagierten, seien die grausamsten Bilder aus dem Drogenkrieg dort an jedem Kiosk zu sehen: „Da wird auf Leichen draufgehalten“, sagt Eppler. Auch in manchem fiktiven Fernsehkrimi ist Schlimmeres zu sehen als bei Metinides, dessen Aufnahmen man wahrnimmt wie Filmstills aus Hollywood-Actionthrillern. Warum schauen wir solche Filme? Die Ausstellung zwingt zur Positionierung, zur Überprüfung der Haltung zu Leid und Sterben.

Der 77-jährige Metinides hat inzwischen einen neuen Weg gefunden, sich mit all den erlebten Katastrophen zu beschäftigen: Er besitzt, wie seine Galeristin Veronique Ricardoni erzählt, eine riesige Sammlung von Spielzeug zu Polizei und Rettungsdiensten. In Miniaturwelten baut er lauter Unglücke nach.

Eröffnung heute, 19 Uhr. Bis 4.9., Weinbergstr. 25-27. Für Kinder bis 12 Jahre wird vom Besuch abgeraten. Bis 5.6. täglich 10-21 Uhr, danach Di-So 10-17, Mi 10-20 Uhr. Tel. 0561/918930, www.sepulkralmuseum.de Beim Fotobuchfestival spricht am Sonntag, 12.30 Uhr, Alfonso Morales Carillo über Enrique Metinides.

Internationales Fotobuch-Festival

Ein Katalog von Enrique Metinides ist ein gutes Beispiel dafür, welche erstaunliche Entwicklung Fotobücher genommen haben: Vom Beiwerk zu Ausstellungen wurden sie dank neuerdings immer besserer Druckqualität zur eigenständigen Kunstform. Für den Metinides-Bildband seiner ersten Einzelausstellung 2006 in London werden inzwischen hunderte Euro gezahlt.

Dem Fotobuch widmet sich von heute Abend bis Sonntag zum vierten Mal ein Festival, das unter Federführung des Kasseler Fotoforums Fotobuch-Enthusiasten organisieren. „Wir werden noch internationaler“, sagt Festivalleiter Dieter Neubert. 1000 Besucher werden in der documenta-Halle erwartet, darunter Fotografen, Verleger und Sammler aus Japan, Lateinamerika, Schweden, England und Frankreich. Geboten werden Austellungen, Workshops, Vorträge und Messestände. Ein Schwerpunkt ist das Fotobuch in Mittel- und Südamerika, der andere „Deutschland im Fotobuch“. Thomas Wiegand (Kassel) wird sein gleichnamiges, bei Steidl erscheinendes Buch vorstellen. Höhe- und Schlusspunkt ist ein Podium am Sonntag, 14.30 Uhr, unter anderem mit Martin Parr und Manfred Heiting.

Auch Preise werden vergeben - beim Foto Book Award für das beste Fotobuch des Jahres (unter 49 Kandidaten), und beim Dummy Award wird der beste Entwurf von jungen Künstlern für ein Fotobuch ausgezeichnet: Hier gab es über 400 Bewerbungen aus aller Welt. Erster Preis ist die Verwirklichung des Fotobuchs. Dauer-Ticket für alle Festival-Tage 28/22 Euro, Tagesticket 14/11 Euro. (vbs)

www.fotobookfestival.org

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