Jahrgangs-Champagner mit Beigeschmack: Florian Illies’ Buch über die Kultur 1913

Die Ahnen der Moderne

Protagonisten des Jahres 1913: von links Franz Kafka, Thomas Mann, Arnold Schönberg, Ernst Jünger, Alma Mahler-Werfel, Sigmund Freud, Rainer Maria Rilke und Pablo Picasso. Sie alle tauchen in Florian Illies’ Darstellung des Vorkriegssommers auf. Montage: Köberich

Bevor die Jahrhundertgedenken sich dem Ersten Weltkrieg zuwenden, hat Florian Illies die Kulturidylle des letzten Vorkriegsjahrs wiederbelebt: „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“ heißt sein Buch.

Illies schweift von Wien nach Paris, von Berlin nach Oberbayern oder Triest, er notiert Highlights der Künste, indem er Anekdoten der Protagonisten aus Literatur, Musik und Bildenden Künsten zum Lesevergnügen aneinanderreiht. Er rückt ihnen – meist in ihren eigenen Worten – wie ein Paparazzo posthum auf die Pelle. Es entsteht die heile Welt einer Avantgarde, die nicht recht verstand und sich nicht darum scherte, was sich zwischen ihren schlecht regierten Staaten zusammenbraute. Immerhin flicht Illies das unüberhörbare Gepolter aus den Ministerien Europas hin und wieder ein.

Die Schüsse, die er erwähnt, erlegen aber 1913 nur unvorstellbare Mengen Wild auf hochherrschaftlichen Jagden. Die Internationale der Hochkultur sang – noch – keine Marschlieder, sondern entwarf eine neue Ästhetik, schrieb oder malte an Jahrhundertwerken, lebte und liebte in einem Libertinage-Ghetto. Außerhalb herrschten materielle Not und kleinbürgerliche Enge.

Florian Illies ist ein gebildeter Mensch. Er schöpft aus einem großen Fundus kulturgeschichtlichen und biografischen Wissens. Er versetzt die monatlichen Zeitprotokolle und Hofberichte aus dem Kulturbetrieb immer wieder mit vollmundigen Beweisen von Urteilskraft, von denen manche auch ein wenig vorlaut klingen. Manchmal kommt es schlicht auf den Namen an: „Der 27-jährige Mies van der Rohe kehrt nach Berlin zurück und macht sich als Architekt selbstständig“, heißt es dann.

Die imposante Ahnengalerie der Moderne, die Illies dem Leser präsentiert, posiert quicklebendig in Boudoirs, Parks, Ateliers oder Theatern. Vergegenwärtigt man sich die Gleichzeitigkeit von dem jungen James Joyce, seinem frühen Förderer Ezra Pound, Kafka, Strawinsky, Freud, Picasso, Rilke, Duchamp, Karl Kraus, Thomas Mann, Arnold Schönberg oder Oskar Kokoschka, wird einem die Leuchtturmdichte des Jahres fast unheimlich. Manche beginnen erst ihren Aufstieg wie Walter Benjamin oder Ernst Jünger, der sich aus dem Elternhaus stiehlt, um zur Fremdenlegion zu gehen.

Wenn man weiß, was auf dieses Jahr folgte – die Massen wurden bald wie Schlachtvieh gegeneinander getrieben – bekommt der von Illies ausgeschenkte Jahrgangs-Champagner einen ranzigen Beigeschmack. Immerhin zitiert er Max Beckmann aus dessen Tagebuch: „Der Mensch ist und bleibt ein Schwein erster Klasse.“

Die „Suche nach der verlorenen Zeit“ wurde in diesem „anno domini 1913“ gerade erstmals veröffentlicht. Erst sechs Jahre später, als das Morden vorbei war, bekam Proust dafür den Prix Goncourt.

Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts. S. Fischer, 319 S., 19,99 Euro, Wertung: !!!!:

Von Harald Loch

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