Ai Weiwei im Gropius-Bau: Aus Bedrohung wird Kunst

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Nachbau von Ai Weiweis Zelle: So war der Künstler 81 Tage inhaftiert - unter ständiger Bewachung, das Fenster winzig, immer mit angeschaltetem Licht. Foto: afp

Berlin/Kassel. Ai Weiwei, der Star der documenta 12 im Jahr 2007 in Kassel, zeigt im Martin-Gropius-Bau in Berlin seine bislang größte Ausstellung. Für Kasseler Besucher ist es eine Schau mit hohem Wiedererkennungswert.

Berlin. Die Beklemmung ist sofort spürbar. Enge, stickige Luft, Bedrückung. In eine solche Zelle, 7,2 mal 3,6 Meter groß, hat Chinas Staatsmacht Ai Weiwei gesteckt. 81 Tage wurde er 2011 wegen vermeintlicher Steuervergehen in einem Geheimgefängnis inhaftiert, ständig beobachtet von Kameras, stets bewacht von Militärpolizisten, das Licht ununterbrochen angeschaltet. Den Nachbau mit dem Titel „81“ zeigt der Künstler, Architekt und Regimekritiker in der üppigen, oft bewegenden Ausstellung „Evidence“ (Beweis) im Martin-Gropius-Bau in Berlin.

Gier nach westlichem Luxus: Antike Vasen, überzogen mit Autolack deutscher Marken.

Ai, dessen heitere Gelassenheit nach dem gewitterbedingten Einsturz seiner Skulptur „Template“ bei der documenta 12 in Kassel unvergessen ist, wird in China drangsaliert, unter Hausarrest gestellt, mit abwegigen Anklagen verfolgt. Er darf in keinem Museum in seiner Heimat ausstellen, Pass und Ausreise werden ihm verwehrt. Doch der 56-Jährige widersteht, hält den Repressalien stand - und setzt auf eine Beweisführung mit künstlerischen Mitteln.

Fotos: Ai Weiwei-Ausstellung im Gropius-Bau

Ai Weiwei-Ausstellung im Gropius-Bau in Berlin

Das ist mal so eindrucksvoll wie bei der Mauer „Souvenir from Shanghai“, die er aus Bauschutt seines von den Behörden eingerissenen Ateliers errichtet hat, bei den Überwachungskameras aus Marmor im Eingang des Museums oder Handschellen aus Jade. Wo er aber einfach das Büromaterial ausbreitet, das beschlagnahmt wurde, all die Festplatten, USB-Speicher und Diktiergeräte, gerät es dann doch sehr plakativ.

„Souvenir aus Shanghai“: Aus dem Schutt seines Ateliers, das die Regierung willkürlich abreißen ließ, kreierte Ai Weiwei diese Mauer. Fotos: von Busse

Ais aktuelle Situation bestimmt seine bislang größte Einzelausstellung, für die er vieles eigens neu geschaffen hat. Im Lichthof und 18 Räumen, die er souverän füllt, sind aber viele Facetten seiner Kunst zu erleben - von frühen New Yorker Arbeiten der 80er, als er einen Schnellkurs Kunstgeschichte absolvierte und vor allem sein späteres Vorbild Marcel Duchamp entdeckte, über die Videos, die den rasanten Wandel in Peking dokumentieren, bis zu seiner intensiven Beschäftigung mit dem Erdbeben in Sichuan, als wegen Baupfuschs Tausende Schüler starben.

Auch in Berlin beeindruckt, wie Ai Traditionen und Materialien der (Bau)kunst seiner Heimat bewahrt, aber eben auch befragt, die er ironisiert, verwandelt, mit neuer Bedeutung versieht und so auch eine Brücke schlägt zum Westen und seinen Werten - etwa wenn er antike Vasen mit den metallischen Lackfarben in China beliebter Luxus-Automarken überzieht.

Problem Smog in Peking: Diese Atemmaske aus Marmor liegt auf einem Grabstein.

Zur documenta 2007 brachte er nicht nur 1001 Chinesen („Fairy Tale“), sondern 1001 antike Stühle nach Kassel. In Berlin zeigt der Kasseler Glas-der-Vernunft-Preisträger solche Stühle mit entfernten Gebrauchsspuren, die ihrer Patina beraubt sind, „clean“ wirken, dazu wunderschöne Nachbildungen antiker Türen in Marmor und 6000 Hocker, die eindrucksvoll für ein anderes wichtiges Ai-Weiwei-Thema stehen: das Individuum in der Masse, Unverwechselbarkeit, die sich gegen Konformität und Anpassung behauptet.

Es sei „schmerzlich“, dass Ai Weiwei nicht zur Eröffnung reisen konnte, sagte Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, die den Gropius-Bau verantworten. Bis zuletzt habe man auf vielen Ebenen gerungen, um ihm zu einem Pass zu verhelfen. „Er ist nach wie vor gefährdet“, konstatierte Gereon Sievernich, Direktor des Gropius-Baus, der die Ausstellung zwei Jahre lang mit Ai Weiwei vorbereitet hat: „Er fühlt sich bedroht, man darf das nicht auf die leichte Schulter nehmen.“ Für Sievernich „hängt die Zukunft unserer Welt davon ab, was in China passiert“, ob das Land zu Meinungsfreiheit und Gewaltenteilung findet: „Wir können nicht sagen, das interessiert uns nicht.“

Ai selbst legt für seine Bewacher in einen Fahrradkorb vor seinem Haus jeden Tag frische Blumen. Das tun nun auch die Mitarbeiter in Berlin: Vorm Gropius-Bau steht ein Rad mit Blumen - bis Ai ausreisen darf.

Infos: www.freundeaiweiweis.de

Service und Informationen

Die Ausstellung „Evidence“ läuft bis zum 7. Juli im Martin-

Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Montag 10-19 Uhr, Dienstag geschlossen. Ab 20. Mai täglich 10 - 20 Uhr. Eintritt: 11 Euro, ermäßigt 8 Euro, Gruppen (ab 5 Personen) 8 Euro. Eintritt frei bis 16 Jahre. Öffentliche Führungen sonntags, 14 Uhr. Der Katalog ist im Prestel-Verlag erschienen und kostet im Museum 25 Euro, im Buchhandel 39,95 Euro.

Infos: www.gropiusbau.de

Anlässlich der Ausstellung gibt es ein Sparpreis-Kultur-Angebot der Deutschen Bahn (39 Euro 2. Klasse bei Hin- und Rückreise innerhalb von drei Tagen).

Von Mark-Christian von Busse

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