„WIXIW“: Das neue Album der Liars

Der Albtraum im eigenen Kopf

Eines kann man den Liars nicht vorwerfen: Faulheit. Das Trio mit wechselnden Wohnsitzen in New York, Berlin und Los Angeles scheut die Wiederholung. Die Gruppe um den außergewöhnlich charismatischen Sänger Angus Andrew, ein Mann, der sowohl tiefste Grabestöne als auch ein seufzend hohes Falsett hübsch irrsinnig auf die Bühne zu bringen weiß, fing 2001 als große Hoffnung des Neo-Postpunk an. Drei Jahre später waren sie eine waschechte Konzept-Band: Die Stücke auf dem Album „They Were Wrong, So We Drowned“ tummeln sich allesamt, perkussiv herumlärmend, auf dem Hexentanzplatz zur Walpurgisnacht. Etwas später formten die Liars dicke psychedelische Wolken, anschließend stürzten sie sich auf New Wave.

Das jüngste Album „WIXIW“ schließt an den Vorgänger „Sisterworld“ aus dem Jahr 2009 an. Aufgenommen in Los Angeles, reflektierte „Sisterworld“ Erfahrungen, die Angus Andrew, Aaron Hemphill und Julian Gross im Sumpf von L.A. gemacht hatten. Die gitarren- und schlagzeugbetonten Stücke kriechen entsprechend abgerissen dahin, was sie keineswegs dran hindert, einem mit Mordsgeschrei ins Gesicht zu springen. Überraschung muss sein.

Prompt handelt es sich bei „WIXIW“ um ein beinahe lupenreines Elektronikalbum. Die dunkle Seite von L.A ist ihre Sache geblieben. Im Video zum veritablen Hypno-Schauer-Hit „No. 1 Against The Rush“ spielt Andrew das hilflose Opfer eines Serienkillers in Rentnergestalt. Das ist so lustig wie verstörend; ein guter Schauspieler ist der langhaarige Schlacks allerdings nicht.

Am besten funktionieren die neuen Stücke, von denen alle am Computer entstanden sind und viele auf leicht schrägen, bisweilen ambientartigen Loops basieren, ohne vorgegebenes Bildmaterial. Der Albtraum im eigenen Kopf ist immer noch der unheimlichste.

Sänger Andrews gibt sich lasziv-autistisch, säuselnd-zärtlich. Seltsam, bedrohlich. Seine Kinder möchte man diesem Typen auf keinen Fall anvertrauen. Das Studio der Liars befindet sich übrigens unter dem Freeway 101. Eine herrlich unwirtliche Umgebung - wie gemacht für dieses schrecklich-schöne Album. Es springt nicht, es lauert.

Liars: WIXIW (Goodtogo / Mute). Wertung: !!!!:

Von Michael Saager

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.