Das Deutsche Theater Göttingen bringt Dostojewskis Roman „Verbrechen und Strafe“ auf die Bühne

Ein Albtraum ohne Erwachen

Ein Strudel von Wahn und Albtraum: Meinolf Steiner (links, Seltsamer Mann), Alois Reinhardt (Raskolnikow) und Paula Hans (Die Fremde). Foto: Urban

Göttingen. Gibt es Menschen, die berechtigt sind zu töten? Gibt es Menschen, die man töten darf? Raskolnikow bejaht beides, zunächst in der Theorie. An der Ausführung zerbricht er. Thomas Bischoff bringt den großen Roman Fjodor Dostojewskis am Deutschen Theater Göttingen auf die Bühne. Das Premierenpublikum tauchte am Samstag ein in einen Strudel von Wahn und Albtraum, getrieben von einem ausdrucksstarken Ensemble.

Sein Studium hat Rodion Raskolnikow aus Geldmangel unterbrechen müssen. Dem mürrischen Einzelgänger bekommt die Muße nicht. In der Hochzeit der Schwester sieht er nur ein Opfer für sich und bricht mit ihr und der Mutter. Seine Überlegenheitsfantasien münden in dem brutalen Mord an der Pfandleiherin Iwanowna. Raskolnikow will bestehen, nicht gestehen. Doch gerät er in eine Abwärtsspirale, Schuldgefühle und Fieber bringen ihn um den Verstand. Trost findet er bei der Prostituierten Sofja, deren schwindsüchtige Mutter zeitgleich (genial schrill: Julia Hansen) dem Wahn verfällt. In die Enge getrieben, gesteht Raskolnikow schließlich den Mord. Alois Reinhardt brilliert beim Ausspielen seines Charakters in allen Gefühlslagen.

Die große Dostojewski-Übersetzerin Swetlana Geier hat zu dessen Romanen einmal bemerkt, man übersetze sie „nicht ungestraft“. Ungestraft folgt man auch Thomas Bischoffs Inszenierung nicht. Mit seiner Fokussierung auf die Perspektive Raskolnikows, sein Abgleiten aus Bindungen und Normen des Vertrauten, zwingt er zum Hinsehen, zum Miterleben.

Gespart wird nicht mit Drastik, Schmerzen, Leid und Hass. Reue bleibt Bischoffs Raskolnikow bis zum Ende fremd. Vor dem Hintergrund der Schulamokläufer der jüngsten Zeit wirkt er aktueller denn je. Die Moralität von Schuld und Sühne tut hier nichts zur Sache, es geht um ein Verbrechen und die Strafe dafür.

Das Ineinandergreifen von Spiel, Musik und Bühne verstärkt die Sogwirkung des Gebotenen. Isabelle Krötschs Ausstattung setzt auf mobile, halbtransparente Schiebewände und skizzenhafte Einrichtung. Die Bühne gleicht einem Karussell der Bizarrerien, das sich in schnellem Wechsel dreht. Die Melodie dazu liefert FM Einheit, ehemaliger Schlagwerker der Experimentalband „Einstürzende Neubauten“. Metallisches Klopfen und düster zitternde Bässe orchestrieren die Grundstimmung des Stücks.

Das Premierenpublikum braucht einige Zeit, um sich aus der Schockstarre nach fast vier Stunden Spielzeit zu lösen. Der grenzgängerische Parforceritt des Ensembles wird mit anhaltendem Applaus (Ovationen für Alois Reinhardt) honoriert.

Nächste Vorstellungen: 10., 11. und 18. Mai, jeweils 19.45 Uhr. Karten: Tel. 0551/49 69 11 oder unter www.dt-goettingen.de

Von Jan Löffel

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