Neues Album

Rockstar Sting hat ein Musical über die Werftenkrise geschrieben

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Das erste Album mit Eigenkompositionen seit 2003: Der Musical-Novize Sting bringt „The Last Ship“ heraus.

Eine Million. An dieser Zahl muss Sting sich messen. So viele Exemplare seines Longplayers „Sacred Love“ (2003) brachte der britische Superstar an den Mann. Seither hat er kein Album ausschließlich mit Eigenkompositionen veröffentlicht.

Zehn Jahre sind eine lange Zeit für einen Songschreiber. Der nachdenkliche, gebildete Ex-Sänger der Rockband Police, 16-malige Grammy-Gewinner und erfolgreiche John-Dowland-Interpret fragte sich ernsthaft, ob er sich mit Anfang 60 in die Frührente zurückziehen und nur Songs anderer Leute aufnehmen solle. Mit einer Schreibblockade wollte sich Sting, einer der einflussreichsten Musiker der 80er und 90er, nicht abfinden.

Die Leidenschaft ist urplötzlich wieder aufgeflammt, als Bilder seiner Kindheit im Vorort Wallsend der Werftenstadt Newcastle upon Tyne aufblitzten: Dort sah der kleine Gordon Matthew Thomas Sumner, Sohn eines Milchmanns und einer Friseurin, surreal gigantische Pötte der Swan-Hunter-Werft vom Stapel laufen. Für den Knirps jedes Mal ein furchterregendes, apokalyptisches, eindringliches Erlebnis. Sich daran zurückzuerinnern, schmerzt Sting heute noch.

Natürlich macht ein Superstar mit 100 Millionen verkauften Alben keine stinknormale CD, sondern er sucht nach dem Besonderen, etwas Großem. Warum nicht ein Musical über die Werftenkrise? „Billy Elliot The Musical“ mit den Songs von Elton John spielt im Milieu der nordenglischen Minenarbeiter und läuft schließlich seit Jahren am Broadway.

Drei Jahre schraubte Sting an „The Last Ship“. Erzählt wird die bedrückende Geschichte des Niedergangs der Werft in den 80ern. Die Geschichte einer polnischen Gruppe, die ihren Arbeitsplatz aus Verzweiflung besetzt, versteht Sting eher als donquichottisches Sinnbild denn als späte Abrechnung mit der Thatcher-Regierung.

Kompositorische Hilfe erfuhr der Musical-Novize vom preisgekrönten US-Dramatiker und Lieddichter Brian Yorkey („Next To Normal“) sowie dem hollywooderprobten Drehbuchautor John Logan („Aviator“, „Hugo Cabret“, „Skyfall“).

Im Studio schauten AC/DCs Brian Johnston, der singende Schauspieler Jimmy Nail und die Unthank-Schwestern vorbei. Sie alle stammen wie Sting aus Newcastle. Der eingängige, songorientierte Soundtrack weist neben Pop- auch traditionelle Folkelemente und Schifferlieder auf und steht unter dem Einfluss von Gershwin, Rodgers & Hammerstein, Brecht & Weill. Sting, der auch im breiten nordenglischen Dialekt singt, schlägt einen weiten Bogen vom Folksound zur modernen Theatermusik.

Besonders berührend die zarte Ballade „Practical Arrangement“. Sie erzählt die Geschichte eines älteren Mannes, der eine junge alleinstehende Mutter überzeugen will, dass sie eine prima Zweckgemeinschaft abgeben würden. Allerdings wird Sting nicht sämtliche Songs für das Musical verwenden, welches 2014 an den Broadway kommen soll.

Sting: The Last Ship (A&M/Universal).

Wertung: Vier von fünf Sternen

Von Olaf Neumann

 

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