Die Georgierin Khatia Buniatishvili und ihr fulminantes CD-Debüt

Alle Facetten der Seele

So präsentiert die Plattenfirma Sony Classical ihren neuen Pianostar: Khatia Buniatishvili mit Schwan. Foto: sony/nh

In der Pianoszene geht es zu wie beim Fußball. Ständig werden neue sehr junge Stars präsentiert, denen die Zukunft gehören soll. Oft sind es bei den Pianisten gut aussehende junge Frauen, von denen allerdings nicht jede über ihre Debüt-CD hinauskommt.

Auch das erste Album der Georgierin Khatia Buniatishvili, die heute ihren 24. Geburtstag feiert, wird von ihrem Label Sony Classical mit romantischen Fotos samt zu Füßen eingerolltem Schwan vermarktet. Dennoch ist Khatia Buniatishvili anders als die übrigen Klaviersternchen. Wilder, exzentrischer, interessanter, vielleicht auch gefährdeter.

„Franz Liszt - Khatia Buniatishvili“ lautet der schlichte Titel ihres Albums. Ungewöhnlich genug, dass sie ihr Debüt dem Virtuosen zu dessen 200. Geburtstag widmet. Doch selbstbewusst schreibt sie: „Ich habe immer gewusst, dass meine erste Aufnahme ein Porträt von Liszt sein würde.“ Denn nur er ermögliche ihr, „die vielen Facetten meiner Seele in ihrer Einheit zu präsentieren“.

Tatsächlich geht sie das Hauptwerk des Albums, die große, halbstündige h-Moll-Sonate mit einer Wildheit und gleichzeitig Klangsinnlichkeit an, die Vergleiche mit der jungen Martha Argerich herausfordert. Doch während Argerich schon immer über einen untrüglichen Formsinn verfügte, liefert sich Buniatishvili viel radikaler ihren Emotionen aus. Beispielsweise bei der Fuge, die sie mit rotziger Frechheit und vollem Risiko hinknallt.

Pianistisch ist Buniatishvili pures Dynamit. Die formale Gestaltung wirkt aber stellenweise unfertig. Dabei ist ihr Spiel sehr individuell und daher jede Sekunde spannend, aber auch in Gefahr, manieristisch zu werden. Die Schlussakkorde der h-Moll-Sonate dehnt sie fast ins Unendliche, um das abschließende tiefe H wie einen kleinen Pups anzufügen.

Unendlich sanft beginnt sie den berühmten „Liebestraum“ und steigert sich auf unwiderstehliche Weise zu funkelnder Brillanz. Bei Liszts Bearbeitung von Bachs Präludium und Fuge a-Moll (ursprünglich für Orgel geschrieben) spielt sie die Fuge sehr streng bis zu der Stelle, wo bei Bach das Pedal einsetzt - um dann unvermittelt loszudonnern.

Vieles an Buniatishvilis Spiel begeistert, weil man die Stücke so noch nicht gehört hat oder weil sie einen - wie bei der Etüde „Feux-follets“ - mit ihrer druckvollen Virtuosität überwältigt. Anderes nervt als Launenhaftigkeit. Doch stets kann man mit dem Unerwarteten rechnen bei dieser Ausnahmepianistin, die mit sechs Jahren erstmals öffentlich auftrat und zuletzt ihr Spiel in Wien bei Oleg Maisenberg vervollkommnete. Es wird spannend zu beobachten sein, wie sich diese Künstlerin weiterentwickelt.

Khatia Buniatishvili: Franz Liszt. Sony Classical (CD mit Bonus-DVD), Wertung: !!!!:

Von Werner Fritsch

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