Techno-Superstar Kalkbrenner lässt Massen in Göttingen tanzen

Alle lieben Paule

Herzschrittmacher: Paul Kalkbrenner während seines gefeierten Auftritts in der Göttinger Lokhalle. Foto: Strunk

Göttingen. Bombige Beats, berauschende Bässe: Die Berliner Techno-Ikone Paul Kalkbrenner hat die Lokhalle in Göttingen am Samstagabend für ein paar Stunden zum Leben erweckt. 6700 Menschen folgten seinem künstlichen Herzschlag wie das Blut seinen Bahnen. „Icke Wieder“ heißt das aktuelle Album des gebürtigen Leipzigers, die Konzerte der gleichnamigen Tour sind weltweit bis 2012 ausverkauft.

Der 33-Jährige gilt als ein Phänomen. Fast zwei Jahrzehnte nach der längst totgeglaubten Techno-Bewegung, in einer Zeit, in der die einstige „Queen of Techno“ Marusha höchstens als Gast beim Promi-Dinner auf Vox zu sehen ist, bewegt Kalkbrenner die Massen wie kein anderer, macht Techno wieder zu dem, als das er ursprünglich einmal gedacht war. Musik für alle. Eine Wiedervereinigung auf der Tanzfläche.

Mit Schwarzlichtgewitter, Nebelschwaden und einem alles durchdringenden Bass legt Kalkbrenner um 21 Uhr los. Eine musikalische Entladung auf der Bühne, eine physische Befreiung auf dem Dancefloor. Kalkbrenner, der nicht als DJ, sondern als Live-Act beschrieben werden möchte, gelingt das scheinbar Unmögliche: Da tanzt sich das Mädchen mit dem Perlenohrring neben dem alternden Techno-Freak zu schnörkellosen Beats und eingängigen Melodien in Ekstase, da verfolgt der Verbindungsstudent neben dem Maurer-Lehrling die kubischen Formen und pulsierenden Bilder auf den acht bespielbaren Flächen, die altarförmig um Herzschrittmacher Paule angeordnet sind.

Kalkbrenner, gewohnt unaufdringlich, verfolgt das Treiben in schwarzem T-Shirt und mit geschorenem Schädel hinter Mischpult und Monitor, dreht hier und da an einem Knopf, als bewege er tatsächlich den Plattenteller, verzieht das Gesicht zu genussvollen Grimassen und spricht kein Wort. Spielt mit stoischer Gelassenheit seine Titel, die an Kinderbücher à la Janosch erinnernde Namen tragen wie „Kleines Bubu“ oder „Sagte der Bär“. Behält sein Publikum, dessen Zuneigung er sich vor allem mit dem Auftritt als DJ Ickarus in Hannes Stöhrs Film „Berling Calling“ erspielt hat, und dessen von ihm produzierter Soundtrack sich 170 000-mal verkaufte, genau im Auge.

Als nach zwei Stunden die Aufmerksamkeit nicht mehr allein auf ihn gerichtet ist, sich die Lokhalle in einen großen Club verwandelt hat, zieht sich der Techno-Musiker, scheinbar fast gekränkt, zurück. Die Menge, durch den abrupten Bruch aufgerüttelt, fordert die populären Titel. Und Kalkbrenner legt noch mal richtig los.

Fast 110 Dezibel zeigt der Monitor an, bevor der 33-Jährige das Publikum nach einer Stunde Zugabe erlöst: Den Hit „Sky & Sand“ hat er sich bis zum Schluss aufgehoben, getreu seinem Motto: „Nicht wieder nach Hause gehen, wenn es mal doof ist.“ Durchhalten lohnt sich, auch an diesem Abend.

Von Belinda Duvinage

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