Restauriertes Gemälde Antonio Molinaris hängt im Museum Schloss Wilhelmshöhe in Kassel

Alle sind total von der Rolle

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In neuem Glanz: Antonio Molinaris Gemälde „Die Rache der Tomyris“ wurde aufwändig konserviert und restauriert.

Kassel. Die Beschädigungen waren kaum zu überblicken. Im Jahr 2000 wurden zum ersten Mal seit Jahrzehnten sechs Gemälde aus dem Museum Schloss Wilhelmshöhe in Kassel von einer Rolle gewickelt.

Sie waren im Zweiten Weltkrieg im Depot eingelagert worden und hatten schwer gelitten - vermutlich durch Bombensplitter und Wassereinbruch. Erschrocken wickelte man die Bilder schnell wieder ein.

Ihre Restaurierung, das wusste man sofort, würde Jahre dauern und viel Geld kosten. Jetzt strahlt eines der Gemälde in neuem Glanz: Antonio Molinaris „Die Rache der Tomyris“ von 1692 hängt mit seinen beeindruckenden Ausmaßen von knapp drei mal drei Metern wieder in der Gemäldegalerie Alte Meister im Schloss.

Und alle Beteiligten sind total von der Rolle. 2005 wurde die Restaurierung tatsächlich angepackt, seither im Etat der Museumslandschaft Hessen Kassel (mhk) regelmäßig dafür Geld bereitgestellt, insgesamt 60 000 Euro. Über 1000 Arbeitsstunden wurden gezählt. „Schäden ohne Ende“ stellte Restauratorin Claudia Kluger (Baunatal) fest, der die mhk die Rettung des Gemäldes anvertraute.

Sie mietete eigens ein 200 Quadratmeter großes Atelier an, um das Gemälde ausbreiten und umdrehen zu können („gerade groß genug“), und machte sich mit ihrer Kollegin Christiane Ehrenforth ans Werk - wegen des Schimmels in Ganzkörperschutzanzügen, mit Atemmasken und Handschuhen. Der Firnis (Überzug) wurde beseitigt, die Malschicht gereinigt und konserviert, Leinwandflicken und Wachsmasse entfernt. Vor allem Teile des gemalten Schmucks mussten, nachdem Verluste in der Malschicht mit einem Kreide-Leim-Kitt geschlossen waren, aufgrund eines alten Schwarz-Weiß-Fotos vorsichtig ergänzt werden.

Frühere Restauratoren waren großzügiger vorgegangen, hatten großflächig retuschiert und „sehr frei die Farbigkeit verändert“. Eine Herausforderung war, fehlende Leinwandstücke zu ersetzen: „Wir haben mit unserer verzweifelten Suche Kollegen in ganz Deutschland kirre gemacht.“

Für die Intarsien, also den Ersatz der Löcher, fertigte man selbst Gewebe an, das nach Webart und Fadenbeschaffenheit dem Original entspricht - durch Fädenziehen bei vorhandener Leinwand. Der Transport war „eine logistische Meisterleistung“, sagt Kluger. Angefertigt wurde in der mhk-eigenen Tischlerei noch ein Zierrahmen, der anschließend vergoldet und in altem Stil patiniert wurde. Nun fehlt noch ein Abschlussfirnis, sagt Anne Harmssen, Leiterin der Restaurierungsabteilung der mhk: „Aber vorher muss das Gemälde ein Jahr richtig durchtrocknen.“

Justus Lange, Leiter der Gemäldegalerie, sieht den Molinari auch als Werbung für künftige Drittmittel durch Sponsoren: „So schön könnten auch andere Bilder aussehen, die im Depot noch auf der Rolle hängen."

Christiane Ehrenforth stellt die Restaurierung am Donnerstag, 22.4., 18.30 Uhr, im Museum Schloss Wilhelmshöhe vor („Total von der Rolle“).

Von Mark-Christian von Busse

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