Alle wollen hoch hinaus: Hochstapler im Jungen Theater

Probenfoto vor Hochhaus: Die Schauspieler Dirk Böther (von links), Philip Leenders, Robert Oschatz, Elisabeth-Marie Leistikow, Constanze Passin und Gintas Jocius. Foto: Eulig

Mit gleich zwei zwiespältigen, aber sympathischen Romanfiguren wartet das Junge Theater Göttingen zur Zeit auf. „Krull/Ripley - Aus der Welt der Hochstapler“, eine Vereinigung zweier Romane von Thomas Mann und Patricia Highsmith hatte am Samstag Premiere.

Bevor die Zuschauer ihre Plätze einnehmen können, werden sie in einem Vorraum mit unterschiedlich großen Quadern, der sich hinterher als Bühne (Jan Langenheim) entpuppt, mit einem wahrhaft größenwahnsinnigen Immobilienprojekt „Wohnen im heroischen Stil“ in Göttingens Mitte - in einem nicht gerade bevorzugten Hochhaus - konfrontiert.

Deutlicher Hinweis darauf, dass Jan Langenheim (Regie) und Udo Eidinger (Dramaturgie) nicht nur die Geschichte hinter der Geschichte – wie werden Menschen zu Hochstaplern – sichtbar machen, sondern auch zeigen wollen, wie sich das Prinzip der Illusion in uns und unserer (Wirtschafts-)Welt festgesetzt hat.

„Der talentierte Mr. Ripley“ schlüpft in die Rolle des von ihm bewunderten, reichen Unternehmersohn Richard Greenleaf. Doch eigentlich ist ihm diese Rolle viel zu groß. Immer mehr Verwicklungen lassen ihn zum mehrfachen Mörder werden. An dieser Stelle setzt das Stück ein.

Die sehr komprimierten Szenen mit Protagonisten, die teilweise von allen Darstellern gleichzeitig oder in ständig wechselnden Rollen verkörpert werden, bringen Schnelligkeit und Spannung ins Spiel. Constanze Passin, Elisabeth-Marie Leistikow, Dirk Böther, Gintas Jocius, Philip Leenders und Robert Oschatz meistern diese Schwierigkeit mit viel Lebendigkeit. Wer die Romanvorlagen jedoch nicht kennt, mag Probleme haben, dem vielschichtigen, wenn auch kunstvollen Geschehen zu folgen.

Nach der Pause daher deutliche Lücken in den Zuschauerreihen. In einem Geschwindigkeitsrekord waren zwischenzeitlich Zuschauertribüne und Bühne um 180 Grad gedreht worden. Hinter den Quadern auf der Bühne hing nun eine Leinwand mit einem prähistorischen Bild. Die Zäsur zum ersten Teil des Stückes war überdeutlich.

Eidinger wählte auch für Felix Krull wie schon bei Tom Ripley den Schluss des Romans als Einstieg in das Geschehen. Krull reist in der Person des Marquis de Venosta nach Lissabon, lernt auf der Fahrt den Paläontologen Professor Kuckuck kennen und verführt später dessen Frau und Tochter.

Constanze Passin und Elisabeth-Marie Leistikow sind sehr sexy zwischen aufreizendem Habitus und gespielter Zurückhaltung. Gintas Jocius spielt Krull alias de Venosta galant und verführerisch, mit einem Spritzer Spitzbübigkeit. Eine wunderbare Rolle für den eleganten Jocius. Auch Dirk Böther als über die Entstehung der Welt schwadronierender Professor ist ein Highlight.

Doch insgesamt hängt die Szene wie ein überflüssiger Appendix am ersten Teil. Für sich genommen sind beide Teile sehenswerte kleine Stücke, fallen jedoch zu sehr auseinander. Das selbst gesteckte Ziel des Regieteams, Hochstapler wie Josef Ackermann, „wie du und ich“, (Programmheft) zu entlarven, kam nicht richtig rüber.

Am Schluss verdienter Applaus für die gute schauspielerische Darbietung. Begeisterung für die Inszenierung hört sich jedoch anders an.

Weitere Termine: 4., 7., 15., 20. Februar und 4. März. Karten: 0551 495015

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