Ungewöhnliches Klavier-Übungsheft mit Etüden

Allegro-Laune mit Chilly Gonzales: Ein Selbstversuch mit seinem Klavierübungsheft

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Mit Chillys Etüdenheft: Redakteurin Bettina Fraschke am heimischen Klavier.

Mit denkwürdigen Konzerten wie im Vorjahr im Kasseler Kulturzelt wurde Chilly Gonzales zum Kult-Entertainer. Nun hat der kanadische Pianist ein ungewöhnliches Klavier-Übungsheft mit Etüden herausgegeben. Auch das ist genial.

Klavierspielen ist das neue Einwecken. Chilly Gonzales hat ein Übungsheft für die Generation Landlust geschrieben - für jene Bewohner von Post-Ikea-Wohnungen, die zwar iPad-affin sind, das Selbermachen aber als Wohlfühlgegengewicht zur Konsumwelt sehen. Und zu deren bildungsbürgerlichem Hintergrund es gehört, einst Klavierstunden gehabt zu haben.

Jason Beck, wie der kanadische Kölner eigentlich heißt, hat mit treffsicherem Gespür für die Wünsche dieser Zielgruppe ein Studienheft herausgegeben, das nichts weniger postuliert, als das Genre der Etüde neu zu erfinden: „Re-Introduction Etudes“. Das wollte ich ausprobieren. Der unglaubliche Erfolg für so ein Trainings-Heft für Triller und Septimakkorde gibt ihm recht: Die erste Auflage war binnen Tagen ausverkauft, bei seinen öffentlichen Übungsstunden stehen die Tasten-Neuentdecker mittleren Alters Schlange. Klar, jenseits der zehn hat man nicht unbedingt Lust, Liedlein wie „Ist ein Mann in Brunn’ gefallen“ zu üben.

Gonzales belebt die Tradition der Salon- und Hausmusik des 19. Jahrhunderts - optisch schon, indem er im Morgenmantel auf die Bühne tritt -und dockt damit bei den Bohemien-Bourgeois der Jetztzeit an. Dazu passt, dass er die 24 Miniaturen stilistisch zwischen Softpop und Erik Saties „Gymnopédies“ ansiedelt. Verträumte, angejazzte Stücklein, mit denen er technische (Arpeggien) wie kompositorische (Quintenzirkel) Fragen klärt. Getunt auf Frustvermeidung statt Bootcamp.

Morgenmantel und Puschen: Pianist Chilly Gonzales bei einem seiner jüngsten Auftritte.

Das Heft ist wunderschön aufgemacht, nostalgisch, schnörkelig. Spiralbindung, dickes Papier. Hintendrin steckt eine CD, auf der der Lehrer den Eleven vorspielt, es gibt Vignetten großer Musikmeister - eine Ahnengalerie von Clara Schumann bis Prince. Gonzales führt vor, dass sich auch zeitgenössische Popballaden auf Kompositionsprinzipien von Johannes Brahms beziehen. Dabei erfindet er das Rad keineswegs neu. Aber seine Ansprache macht Freude: Die Spielhinweise heißen etwa „Religiös, aber skeptisch“, „Cowboywalzer“ oder „Nach etwas streben, was man nie erreichen wird“.

Und das hat mich dann schon geknackt. Das Klavierspielen hatte ich wieder angefangen, weil ich so gern allegro sein wollte - heiter, freudig. Ich wollte entspannt an meinen Freunden, den Tasten, sitzen und lässig jazzige oder klassische Miniaturen aus dem Handgelenk zaubern. Stattdessen harre ich ritenuto auf der Stuhlkante - zurückhaltend, angespannt.

Die Noten kriege ich ja noch hin. Viele Jahre Unterricht in Jugendzeiten haben Spuren in meinem Synapsen hinterlassen. Allein: Es kommt nicht unbedingt Musik dabei heraus, wenn ich die Töne spiele. Mühevoll ackere ich mich durch, bin froh, wenn ich mich nicht zu oft verhaue und verknote meine Nervenbahnen vollends, wenn ich auch noch auf Ausdruck achten soll. Es wächst: heftige Sehnsucht nach der Allegro-Laune.

Und jetzt kommt dieser Gonzales mit seinen Easy-Peasy-Anweisungen und justiert meinen Klavierkompass neu. Mein Lehrer sagt, das Buch sei vor allem gut gemachtes Marketing. Aber ich fange beim Spielen auf einmal an, neu hinzuhören. Wie klingt skeptisch? Und lasse mich mehr drauf ein als sonst. Nebenbei spähe ich schon nach kristallenen Portweingläsern, weil die doch für einen Salonmusik- Lifestyle unbedingt dazugehören, oder, Mister Gonzales?

Von Bettina Fraschke

Chilly Gonzales: Re-Introduction Etudes, Gentle Threat (Indigo), 24,99 Euro.

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