Interview: Martina Gedeck spielt in der Buchverfilmung „Die Wand“ eine Frau in totaler Isolation

„Alleinsein ist eine Glückszeit“

Nur mit Blicken und Gesten etwas ausdrücken: Martina Gedeck in „Die Wand“. Foto:  dpa/ Verleih

Ein Buchklassiker, der lang als unverfilmbar galt, kommt diese Woche endlich auf die Kinoleinwand: Marlen Haushofers „Die Wand“ handelt von einer Frau, die eingeschlossen wird von einer unsichtbaren Wand. Martina Gedeck spielt in der Ein-Frau-Show.

Der Roman ist 1963 erscheinen. Wann haben Sie das Buch zum ersten Mal in der Hand gehabt? Was haben Sie darin gesehen, und wie hat sich die Wahrnehmung durch die Arbeit am Film geändert?

Martina Gedeck: Ich war zwanzig, als ich den Roman zum ersten Mal gelesen habe. Da ist mir noch vieles verborgen geblieben. Das Buch hat mich sehr fasziniert. Es war geheimnisvoll und unheimlich. Etwas Dunkles, das ich nicht erkennen konnte und mir trotzdem seltsam vertraut erschien. Damals habe ich in der Geschichte eher das Eindringen einer fremden Macht erkannt. Heute hat sich die Wahrnehmung mehr nach innen verlagert. Damals konnte ich noch nicht nachvollziehen, was das Alleinsein mit einem Menschen macht, weil ich mit zwanzig nie allein war. Heute öffnet sich für mich beim Lesen ein großer Raum, als würde die Person aus meinem Inneren sprechen.

Wie wird die Figur durch die Isolation in der Natur verändert?

Gedeck: Alles, was essenziell ist, geht auf und wächst. Alles andere löst sich ab wie eine alte Haut. Dazu gehört auch das Geschlecht der Frau. Es ist irgendwann nicht mehr klar und nicht mehr wichtig, was für ein Wesen sie ist. Sie hat sich in etwas verwandelt, was jenseits der Geschlechterkategorien existiert.

Wie schwer ist es, ein solches „Wesen“ zu spielen?

Gedeck: Ich tue in meinem Leben nichts anderes, als Kategorien aufzubrechen. Deshalb habe ich diesen Beruf gewählt. Ich kann mich mit der Figur gut identifizieren, weil ich glaube, dass jeder Mensch eine gewisse Bandbreite von Wesen in sich trägt. Ich finde es gut, dass es Frauen und Männer gibt. Aber man kann das auch ruhig mal ein wenig ignorieren und den Mann oder die Frau in einem anderen Licht zeigen.

Die vollkommene Einsamkeit, die anfangs als Horror erscheint, entwickelt sich im Verlauf des Filmes zu einem produktiven Seelenzustand. Wie wichtig ist es für Sie, allein sein zu können?

Gedeck: Ich brauche unbedingt Räume, in denen ich nur für mich sein kann. Wenn ich lange unterwegs war, sorge ich dafür, dass ich einige Tage allein sein kann. Ich habe ein sehr intensives Sozialleben. Ich muss viel kommunizieren und reisen. Da muss zwischendrin eine Verortung stattfinden. Ich habe das Gefühl, dass ich mich als Mensch vor allem in diesen Zeiten des Alleinseins weiterentwickle. In dieser Freiheit können sich die Gedanken noch einmal anders bewegen. Das geistige Wachstum findet immer in den Phasen der Regeneration, Kontemplation und des Nichtstuns statt. Alleinsein empfinde ich mittlerweile als Glückszeit.

Der Film hat fast keine Dialoge, die Gedanken der Figur werden als Romanzitate aus dem Off eingesprochen. Wie schwer war es, Text und wortloses Spiel miteinander in Einklang zu bringen?

Gedeck: Wenn ich eine Szene gespielt habe, stand in den meisten Fällen fest, welcher Text dazu aus dem Off eingesprochen wird und welche Gedanken die Figur gerade beschäftigen. Aber dann hat man eben nur eine Sequenz von zehn Sekunden, in der man zeigen muss, dass diese Frau gerade in einer schwersten Depression steckt. Die Anpassung an den Off-Text ist eine sehr feinmechanische, minutiöse Arbeit. Das hätte ich vor zehn Jahren noch nicht gekonnt. Aber es ist nun einmal so, dass der Mensch sehr viel mehr fühlt und denkt, als er spricht. Das Sprechen ist ja nur die Spitze des Eisbergs.

Von Martin Schwickert

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