Das Theater der Universität Kassel überzeugt mit „Ich bin Ich bin Ich“ im Dock 4

Vor allem Selbstoptimierung

Fügen eine Text- und Szenencollage zusammen: Julia Przybyla (von links), Pauline Hosse-Hartmann und Franziska Loch. Foto: Esterer

Kassel. Rote Würfel mit der weißen Aufschrift „Ich“ zeigen, wo es langgeht: Es geht um den gegenwärtigen Drang zur Selbstoptimierung, Selbstvermessung, Selbsterkenntnis. Sechs Darsteller des Theaters der Universität Kassel zeigten am Freitag im ausverkauften Dock 4 unter Leitung von Ulrike Birgmeier und Volker Hänel mit Witz und Elan die Inszenierung „Ich bin Ich bin Ich“. Den Stoff für das Theaterstück fanden die Schauspieler in Zeitungen und Zeitschriften, entwickelten Szenen, setzten diese wie eine Collage zusammen.

Vorgeführt wird eine Gesellschaft, die zumindest in manchen Ecken einen leichten Hau unter der Mütze hat. In Zebra-Hosen, schwarzen Pullis und roten Sneakers liegen die Studierenden auf dem Boden, hantieren am Smartphone, zitieren Blödsinn wie, „sich treiben zu lassen, das ist wunderbar“, „die Unterbrechungslogik der neuen Medien greift“, „wenn du nicht bei Facebook bist, bist du niemand“. Weiterhin demonstrieren die Darsteller herrlich ironisch den Glauben an die Neurowissenschaften, Psychologie, Erziehungswissenschaften. Ja, Babys müssten unbedingt schon als Kleinkind das Wir-Gefühl lernen.

Der Schönheitswahn fehlt natürlich nicht. Ein schneidiger Arzt mit Gelfrisur fummelt mit roten Handschuhen im Operationsraum an Patientinnen herum. Gleichzeitig referiert eine Studentin salbungsvoll Statistiken über Brustvergrößerungen und, und, und. Die Verkleinerung von Schamlippen garantiere besseren Sex. In der Szene über Persönlichkeitsoptimierung kommen geballt leere Sprüche zur Geltung. Gipfel des Ganzen ist die Selbst-Hochzeit. Nach einer Anleitung aus dem Internet bereitet eine Darstellerin vor, sich selbst im Brautkleid zu heiraten. Zum Schluss spielt die Orgel, alle sitzen in der Kirche, tupfen sich die Augen.

Intelligent, satirisch überzogen, sprachlich präzise, sicher in der Bewegung überzeugen sämtliche Darsteller. Das Bühnenbild hatte viel Wucht. Eine tolle Inszenierung. Langer Beifall.

Es spielten: Edgar Boksgorn, Pauline Hosse-Hartmann, Franziska Loch, Julia Przybyla, Annika Schmitt und Sabine Schrader.

Wieder am: 18., 21., 29. Juni und 2. Juli, Dock 4.

Von Gesa Esterer

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