Heiko Werning las fulminant in der Caricatura

Alles abwracken

Heiko Werning

Kassel. Er solle pünktlich aufhören, hatte man Heiko Werning vor seiner Lesung am Donnerstagabend vor 50 Besuchern in der Caricatura gesagt, „die Leute hätten hier Arbeit“. Wo Werning lebt, im Wedding (und worüber er bevorzugt schreibt), hätte das Lacher gegeben „oder direkt aufs Maul“.

Der Westfale gibt den Provinzler, der in die Weltmetropole Berlin geflohen ist und Touri-Freunden aus dem Westen mit Vergnügen das tolerant-ignorante Multikulti-Nebeneinander von Scorpions-Altherren-Rock, Muezzin-Podcast und Pfingstler-Singsang auf wenigen Quadratmetern vorführt - oder den Madenautomaten an der nächsten Ecke. Kein Scherz.

Der 39-Jährige ist ein genauer, auch melancholischer Beobachter, wenn er sich an ein missglücktes Zelten an der Müritz erinnert (seine Begleiterin bleibt im Schlafsack eingepackt „wie ein menschlicher Castorbehälter“) oder daran, wie er als braves Bürgersöhnchen in Münsteraner Punkerkreisen bleibenden Eindruck machte - mit Reptilien und Amphibien: „Axolotl hab’ ich schon gehabt, als Helene Hegemann acht Jahre noch nicht geboren war.“ Unangenehm die Erinnerung an die „Blechtrommel“-Schullektüre („Wie Günter Grass mir meine Jugend versaute“).

Zum Schluss forderte der „Titanic“-Autor einen „ästhetischen Schutzschirm“ der Bundesregierung und las, nein: brüllte er eine fulminante Fantasie, womit es dank weiterer Abwrackprämien ein Ende haben müsse - von Brotbackautomaten bis zum „Social-Network-Scheiß“. Großartig.

Von Mark-Christian von Busse

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